Trauer um die Opfer in Lahore
Trauer um die Opfer in Lahore
Angehörige der Opfer in Lahore
Angehörige der Opfer in Lahore

30.03.2016

Die Terrorattacke in Pakistan wirft Fragen auf Merkwürdigkeiten in Punjab

Von einem "verabscheuungswürdigen Verbrechen" sprach der Papst. Nach dem Anschlag vom Ostersonntag im pakistanischen Lahore steht die Ursachensuche erst am Anfang. Zielscheibe waren offenbar Christen. Eine Spurensuche.

Die vorläufige Bilanz des Ostersonntags von Lahore fällt grausig aus: Laut Medienberichten wurden mehr als 70 Tote und rund 340 Verletzte gezählt. Ein Selbstmordattentäter hatte sich in der pakistanischen Millionenmetropole in die Luft gesprengt - in der Nähe eines Spielplatzes in einem Park, der zu dieser Zeit vor allem von christlichen Familien besucht wurde. Wenig später bekannte sich die den pakistanischen Taliban zugerechnete Gruppe Jamaat-ul-Ahrar zu dem Anschlag. Dieser habe sich gegen die Regierung von Premier Nawaz Sharif und die Christen gerichtet.

Politiker und Kirchenvertreter reagierten alarmiert. Papst Franziskus nannte die Attacke ein "verabscheuungswürdiges Verbrechen"; die deutschen Bischöfe wiesen darauf hin, dass Christen in dem muslimisch geprägten Land seit Jahren in Bedrängnis lebten. Und das katholische Hilfswerk missio rief die Bundesregierung auf, sich auf diplomatischem Wege für den Schutz von Minderheiten einzusetzen. Kritik äußerte missio in diesem Zusammenhang auch an den seit den 1980er-Jahren geltenden Blasphemiegesetzen. Dadurch würden Christen immer wieder mit dem Verweis auf Gotteslästerung unter Druck gesetzt. Prominentestes Beispiel: Asia Bibi, die seit 2010 in Haft sitzt und der immer noch die Todesstrafe droht.

Ablauf nach bekannten Mustern

Irgendwie scheint alles nach inzwischen leidlich bekannten Mustern abzulaufen: Wie in anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens fassen islamistische Gruppen in Pakistan immer mehr Fuß und versuchen, ihre Vorstellungen von einem Gottesstaat mit Terror gegen Minderheiten herbeizubomben. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht, gibt Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin zu bedenken. "Es ist schwer, zum jetzigen Zeitpunkt eine sichere Einschätzung zu geben", sagt der Pakistan-Experte.

Für ihn weist der Anschlag mehrere Merkwürdigkeiten auf. Dass Lahore und damit die bevölkerungsreichste und wirtschaftlich wichtigste pakistanische Provinz Punjab ins Visier der Terroristen geraten ist, könnte nach Einschätzung von Wagner auf eine Ausweitung des Einflussgebietes der bislang eher an der Grenze zu Afghanistan operierenden pakistanischen Taliban hindeuten. Ist das zugleich ein Indiz für eine größere Schlagkraft der Gruppe, zu deren Umfeld offenbar auch der Attentäter der Jamaat-ul-Ahrar gehörte?

Viele Extremisten

Wagner hat Zweifel. Die Taliban seien nur eine von zahlreichen extremistischen Gruppierungen im Land, die wiederum untereinander keinen gemeinsamen Nenner hätten. Das Spektrum reiche vom bewaffneten Kampf für die Errichtung eines Gottesstaates über Demonstrationen für die Einführung des islamischen Rechts, der Scharia, bis hin zum Rückzug in eine strenge Glaubenspraxis. Als Nährboden für Extremisten jeglicher Couleur gelten die 25.000 bis 40.000 Koranschulen in Pakistan. "Was da genau passiert, wissen selbst pakistanische Behörden nicht", sagt Wagner. Unbekannt ist auch, welchen Einfluss die Finanzierung durch konservative Geldgeber aus den Golfstaaten hat.

Rund 96 Prozent der Pakistaner sind Muslime, die meisten Sunniten. Christen, aber auch Schiiten und andere Minderheiten wurden bereits in der Vergangenheit immer wieder Opfer von Hass und Ausgrenzung. Welche konkrete Botschaft steckt hinter dem jüngsten Attentat? "Entweder sind die Attentäter so schwach, dass sie nur noch eine Minderheit attackieren können", mutmaßt Wagner: "Oder Sie wollen die Gesellschaft insgesamt erschüttern, indem sie nicht mehr wie bisher ihre Anschläge als Racheakte für Armeeoperationen deklarieren."

Lage für Christen bleibt schwierig

Unabhängig vom Attentat bleibt die Lage für Christen prekär. Von den höchsten Staatsämtern sind sie ausgeschlossen, eine echte Lobby haben sie nicht, schon allein, weil sie meist aus einfachen Verhältnissen kommen. Wie sagte es Menschenrechtsanwältin Aneeqa Anthony mit Blick auf das Blasphemiegesetz im vergangenen Herbst der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA)? Der Vorwurf der Gotteslästerung könne jeden treffen. Aber Christen seien mit 35 Prozent der Angeklagten überproportional vertreten. De facto stellen sie gerade 2 Prozent der Einwohner.

Joachim Heinz
(KNA)

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