Singen: wichtig für Jung und Alt
Singen: wichtig für Jung und Alt

27.02.2016

Ärzte entdecken Musikgedächtnis bei Dementen Kirchenlieder gegen das Vergessen

Sie erkennen die Tochter oder den Sohn nicht mehr, Erinnerungen an die eigene Kindheit sind weg. Doch eines bleibt: Liedtexte. Warum ist das bei Dementen so? Neurologe Magnus Heier erklärt domradio.de, wie das Gedächtnis funtioniert.

domradio.de: Habe ich das richtig verstanden, die neueste Erkenntnis ist: Wir haben zwei Festplatten im Gehirn, eine für die Erinnerung und eine, auf das Musik gespeichert wird. Kann man das so sagen?

Dr. Magnus Heier (Neurologe): Ja, es ist natürlich alles immer etwas vereinfacht ausgedrückt. Das Gehirn ist aber viel komplexer. Es ist sogar so kompliziert, dass wir mit unserem Gehirn unser eigenes Gehirn letztlich sowieso nicht verstehen können. Aber wir wissen relativ genau, wie Gedächtnis funktioniert. Wir wissen auch relativ genau, wo Gedächtnis funktioniert. Musikalische Erinnerungen haben sich dem bisher immer entzogen. Das war immer sehr irritierend. Ich hatte diese 100-jährige Patientin. Sie verstand überhaupt kein Wort mehr. Wenn ich ihr gesagt habe "Gehen Sie voraus", dann hat sie das inhaltlich nicht verstanden. Sie sprach kein Wort mehr. Und wenn man mit ihr gesungen hat, dann konnte sie die Lieder, die sie in ihrer Kindheit gelernt hat, fehlerfrei und textsicher singen. Das wirkt wie ein Wunder, aber das ist eben kein Wunder.

domradio.de: Also das funktioniert nicht so, dass Sie zu der Patientin hingehen und sagen, singen sie das Lied. Man muss ihr schon die Tonfolge vorgeben, oder?

Heier: Ich kann das nicht aktivieren über die Wortfolge "Lassen Sie uns zusammen etwas singen". Das versteht sie nicht, aber wenn ich vorsinge, dann hört sie die Melodie. Dann wird auch die Erinnerung an die Melodie aktiv. Und das ist das eigentlich Irritierende: Dann wird auch die Erinnerung an den Text aktiv, obwohl sie gar keinen Text mehr versteht und obwohl sie nie spricht, kann sie plötzlich den ganzen Text rezipieren. Das ist Wahnsinn, wenn sie neben einer solchen Patientin sitzen und das mitbekommen. Dieser Speicherplatz, der also - bildlich für die Musik zuständig ist, der hat den Charme, das er sehr viel später kaputt geht. In dem Fall ist es so, dieser Bereich scheint besser geschützt zu sein. 

domradio.de: Kann man denn da irgendwie eine Therapie daraus ziehen? 

Heier: Man könnte eine Umweg-Aktivierung versuchen. Das versucht man zum Teil schon, zum Teil auch erfolgreich. Wenn Menschen nicht mehr sprechen können, aber sie können noch singen, dann kann man die Sprachfähigkeit aktivieren. Sie können auch über die Musik ein Tor zur Gefühlswelt dieser Menschen zu öffnen, die schon lange verschlossen scheint. Und je älter diese Lieder sind,  desto fester sind sie ins Gehirn eingebrannt. Es geht uns ja auch allen so, dass wir dadurch eine tiefste Erinnerung aktivieren, von der wir gar nicht wussten, dass sie noch da ist.

domradio.de: Kirchenmusik, Weihnachtslieder sind die frühesten Erinnerungen. Damit hat man den größten Effekt?

Heier: Auch die am emotionalsten aufgeladenen Erinnerungen. Bei mir ist es so: Je älter man wird, desto gefühlsbeladener wird man. Jetzt wenn ich zu Weihnachten in der Kirche stehe und wenn da wirklich Stille Nacht, heilige Nacht gespielt wird. Das ist ein Überschwang an Gefühlen, gegen die man sich nicht wehren kann. Auch diese Sache macht das Ganze so reizvoll, da sie auch die Gefühlswelt sehr aktiv anstoßen kann - auch bei Patienten, die man nicht mehr erreicht.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(dr)

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