Ein Pflegerin und eine Bewohnerin im St. Vinzenzhaus in Bonn-Bad Godesberg
Ein Pflegerin und eine Bewohnerin im St. Vinzenzhaus in Bonn-Bad Godesberg

12.01.2016

Pflegewissenschaftler begrüßt geplante Ausbildungsreform Kein Kästchendenken mehr

Die Bundesregierung plant, die Ausbildung von Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflegern zu vereinheitlichen. Der Pflegewissenschaftler Michael Isfort hält das für eine gute Idee - eine Trennung dieser Berufsbilder gebe es ohnehin nur in Deutschland.

Katholische Nachrichten-Agentur (KNA): Herr Professor Isfort, die Bundesregierung will die Ausbildung in der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege vereinheitlichen. Halten Sie das für sinnvoll?

Michael Isfort (Professor für Pflegewissenschaft und Versorgungsforschung an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen): Ich halte die Reform für sinnvoll und notwendig. Sie ist eine große Chance. Wir brauchen eine Aufwertung der professionellen Pflege in Deutschland. Dazu gehören gute Beschäftigungsbedingungen und gutes Geld, aber auch eine attraktive und zukunftsfähige Ausbildung.

KNA: Aber lässt sich eine Zusammenlegung auch inhaltlich rechtfertigen?

Isfort: Das Berufsbild der Pflege verändert sich stark, die Pflege in Altenheimen und Krankenhäusern überlappt sich immer stärker. Schon heute sind 25 Prozent der Patienten in den Krankenhäusern über 75 Jahre alt. Und in den Alten- und Pflegeheimen gibt es immer mehr Bewohner mit Mehrfacherkrankungen. In der Praxis bewegen sich also beide Bereiche aufeinander zu. Das Kästchendenken ist überholt.

KNA: Gibt es ähnliche Ziele auch in anderen europäischen Ländern?

Isfort: Die Reform ist auch deshalb überfällig, weil sie einen deutschen Sonderweg beendet. Nirgendwo auf der Welt finden Sie heute eine altersgruppenbezogene Pflegequalifikation. Durch eine Vereinheitlichung würde Deutschland also international anschlussfähig.

KNA: Kritiker sagen, die Reform würde zu einer Verflachung führen. Ist das Schwarzmalerei?

Isfort: Richtig ist, dass die künftigen Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner eine breitere, aber weniger spezialisierte Ausbildung erhalten werden. Wenn man die spezialisierte Ausbildung auflöst, muss man exemplarischer lernen und sich mit typischen Situationen befassen. Alle Studien zeigen, dass bei Basisqualifizierung mit anschließender Spezialisierung alle gewinnen.

KNA: Aber wird das nicht riskant für bestimmte Patientengruppen?

Isfort: Auch heute schon ist niemand, der eine Ausbildung beendet hat, auf alle speziellen Anforderungen vorbereitet. Wenn Sie als Krankenpfleger etwa in die Lungenfachabteilung kommen, müssen Sie auch dazulernen. Auch die Anforderungen in Pflege frühgeborener Babys sind sehr speziell. Da müssen die jeweiligen Einrichtungen für fachliche Weiterbildungen und Fortbildungen sorgen.

KNA: Die Bundesregierung verspricht sich von der Reform, dass die Pflegeberufe attraktiver werden.

Isfort: Natürlich ist es attraktiver für die Pflegenden, wenn sie nicht ihr Leben lang auf einen Bereich festgelegt sind, sondern zwischen Krankenhaus, Pflegediensten und Heimen wechseln können. Einmal Altenpflege, immer Altenpflege - damit ist Schluss.

KNA: Aber die Altenpflege fürchtet, dass es auf ihre Kosten geht, weil die Krankenpflege möglicherweise attraktiver und besser bezahlt ist.

Isfort: Schon heute gibt es in Deutschland Modellprojekte einer integrierten Ausbildung: Da lernen Alten- und Krankenpfleger zwei Jahre gemeinsam und entscheiden sich dann im dritten Jahr für eine Spezialisierung. Meines Wissens ist dabei die Altenpflege nirgendwo unter die Räder gekommen.

KNA: Und was ist mit der Bezahlung?

Isfort: Grundsätzlich werden alle Bereiche gleich bezahlt. Allerdings gibt es innerhalb der Krankenpflege mehr unterschiedliche Arbeitsfelder mit unterschiedlichen Schichtdiensten und Verantwortlichkeiten. Wenn Sie Intensivpfleger sind und im Drei-Schichten-Modell arbeiten, verdienen Sie mehr als im normalen Pflegedienst. Mitentscheidend ist immer auch, welche Arbeitsbedingungen ein Arbeitgeber bietet. Natürlich kann es durch die Angleichung zu Konkurrenzsituationen kommen. Aber jede Reform beinhaltet Risiken und neue Bedingungen, sonst wäre es keine Reform.

KNA: Geplant ist auch eine dreijährige Pflegeausbildung an Hochschulen. Ist eine Akademisierung sinnvoll?

Isfort: Auch hier verweise ich auf die internationale Entwicklung. Ein Fachhochschul- oder Hochschulabschluss für Pflegende ist in anderen europäischen Ländern gang und gäbe und sehr erfolgreich. Darüber hinaus bietet ein solches Studium Aufstiegsmöglichkeiten und macht den Beruf attraktiver. Zudem wird die Versorgung in einer alternden Gesellschaft immer komplizierter. Wir brauchen Fachkräfte, die die Pflege aufwändiger Patienten steuern und die selbstständig Studien der internationalen Pflegeforschung auswerten und auf Deutschland übertragen können. Wir wollen ja keine komplette Akademisierung des Berufs. Der Wissenschaftsrat hat vorgeschlagen, zehn Prozent der Pflegenden akademisch zu qualifizieren.

KNA: Haben Sie noch Zweifel, dass die Reform kommt?

Isfort: Noch zu klären ist etwa die Frage der Finanzierung. Die Krankenpflegeausbildung wird primär über die Krankenversicherung finanziert; die praktische Altenpflegeausbildung wird indirekt über die Pflegesätze aus der Pflegeversicherung getragen. Teilweise müssen die Auszubildenden noch Schulgeld entrichten. Das soll künftig entfallen. Geplant ist, dass zukünftig die bisherigen Kostenträger wie die Krankenhäuser, die Altenheime, die Bundesländer und die Sozialversicherung ihren Anteil in einen Fonds einzahlen, aus dem alles finanziert wird. Ich hoffe, dass es da zu einer Einigung kommt.

Christoph Arens
(KNA)

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