Telefonseelsorger
Telefonseelsorger

25.02.2016

Nach Bad Aibling: Wo die Seelsorge jetzt noch aktiv ist "Der Albtraum wird erst später zur Realität"

Überlebende des schweren Zugunglücks von Bad Aibling merken oft erst jetzt, wie ihnen das Erlebte nachgeht. Das Erzbistum München und Freising bietet mit einer Telefonhotline Hilfe - auch für die Angehörigen.

24 Stunden sind sie da - die Telefonseelsorger für Betroffene des schweren Zugunglücks von Bad Aibling. Bereits einen Tag nach dem frontalen Zusammenstoß von zwei Zügen stand die Hotline mit Unterstützung der katholischen Notfallseelsorge. Es ist das erste Mal, dass die Kirche nach einer solchen Katastrophe in Deutschland ein solches Angebot macht.

Bisher haben sich noch nicht sonderlich viele Anrufer gemeldet, wie Alexander Fischhold berichtet. Der Leiter der Telefonseelsorge im Erzbistum München und Freising hält das für ein gutes Zeichen. Denn bereits am Unfallort waren etliche Notfallseelsorger im Einsatz und leisteten gute Arbeit, indem sie den Menschen beistanden.

Seelsorge auf lange Sicht

Der Leiter der Notfallseelsorge, Hermann Saur, weiß, wie wichtig eine zeitnahe Begleitung gerade von geschockten Menschen ist. Um Schwerverletzte und Verletzte kümmern sich an den Unglücksorten die Rettungskräfte. Notfallseelsorger nehmen sich der Augenzeugen an. "Normalerweise hört unsere Arbeit auf, wenn wir es geschafft haben, die Menschen wieder zu stabilisieren", erklärt Saur.

Das Zugunglück von Bad Aibling ist eine Ausnahme. Manche der unverletzt Gebliebenen gingen direkt aus dem Zug heraus nach Hause und begriffen erst danach vor dem Fernseher, was passiert war. Der Leiter der Krisenintervention im Erzbistum München und Freising, Andreas Müller-Cyran, hielt es deshalb für geboten, Telefon- und Notfallseelsorge miteinander zu koordinieren. Deshalb schulte der Diakon kurzfristig einige Telefonseelsorger speziell für dieses sogenannte gemeindenahe Unglück. "Der Albtraum wird erst später zur Realität", beschreibt Müller-Cyran die verzögerte Wahrnehmung bei einigen Beteiligten.

Verdrängung und Auseinandersetzung

Wer so einen schlimmen Unfall miterlebt hat und in seinen Alltag zurückkehrt, kämpft bisweilen mit plötzlich auftretenden Symptomen, die er nicht einordnen kann: Schlaflosigkeit, Angst, Lethargie oder Herzrasen. "Jemand meint dann, dass er verrückt wird", erklärt Müller-Cyran. "Dabei ist es eigentlich eine normale Reaktion eines normalen Menschen auf ein ungewöhnliches Ereignis." Oft reiche es, das den Betroffenen zu erklären.

Auch Angehörige von Überlebenden nehmen die Hotline in Anspruch. Sie wissen oft nicht, wie sie sich in manchen Fällen verhalten sollen. "Zum Beispiel, wenn sich der Ehemann, der im Zug saß, plötzlich zurückzieht", erläutert der Diakon. Mit dem Anrufer analysiert der Seelsorger dann individuell die Situation. So zu tun, als sei nichts passiert, ist nach den Worten der Kirchenfachleute keine Lösung. Die Überlebenden müssten für sich selbst erst die Balance zwischen Verdrängung und ständiger Auseinandersetzung finden.

Gegenseitige Hilfe

Noch bis Anfang März ist die Hotline besetzt. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt. Erfahrungen zeigen, dass Probleme nach vier Wochen von selbst verschwinden, wenn Betroffene sich damit bewusst auseinandergesetzt haben. Für alles, was darüber hinaus noch zu verarbeiten ist, empfiehlt Fischhold einen Psychologen. Er selbst muss das Gehörte auch verarbeiten: "Ich gehe nach schwierigen Gesprächen oft zum Kollegen ins Nebenbüro und wir überlegen, warum mich das jetzt so beschäftigt. So helfen wir uns auch gegenseitig."

Julia Haase

(KNA)

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