Wallfahrer unterwegs
Wallfahrer unterwegs
Mitglieder eines Dackelvereins
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Dr. Dagmar Hänel
Dr. Dagmar Hänel

15.03.2016

Kulturanthropologin sieht ungebrochenen Trend zur Wallfahrt Allein, in der Gruppe oder mit den Dackeln

Wallfahren ist modern - ob in der Gruppe oder alleine. Die Kulturanthropologin Dr. Dagmar Hänel forscht auf diesem Gebiet und berichtet von Unterschieden zwischen Pilgern und Wallfahren - und der Kevelaer-Wallfahrt eines Dackelclubs.

domradio.de: Pilger kamen im Mittelalter aus religiösen Motiven. Heute ist die Frömmigkeit vermutlich nicht immer der Hauptgrund, warum man sich auf den Weg macht, oder?

Dr. Dagmar Hänel (Kulturanthropologin beim Landschaftsverband Rheinland): Das würde ich gar nicht einmal so sagen. Vielleicht braucht man nur einen anderen Begriff und sagt statt einer klassischen Frömmigkeit eher "Bedürfnis nach Spiritualität", einer spirituellen Erfahrung von Sinnhaftigkeit und religiöser Erfahrung. Ich glaube, es ist auch heute für viele Leute immer noch wichtig, dass man sich auf den Weg macht, eine körperliche Erfahrung macht, an ein Ziel kommt, das als heiliger Ort definiert wird. Das Religiöse und Spirituelle kann man von dieser Reise, von Wallfahrt und Pilgern gar nicht abtrennen.

domradio.de: Oder vielleicht kommt es auch unterwegs. Wer ist denn der typische Pilger heute? Oder kann man das pauschal so gar nicht sagen?

Hänel: Das kann man in der Tat gar nicht so pauschal sagen. Auf den Weg machen sich, wenn man die Augen und Ohren offen hält, sehr, sehr viele unterschiedliche Menschen. Da gibt es zum einen noch die klassische Gemeindewallfahrt, wo man sich mit seiner Kirchengemeinde auf den Weg macht. Dann gibt es immer noch religiöse Gruppierungen, Bruderschaften oder Vereine, die sich auch gelegentlich mal oder ganz regelmäßig zu einem ganz bestimmten Ort auf den Weg machen. Wenn man sich beispielsweise Kevelaer anschaut, da besteht die Tradition der Motorradwallfahrt. Es sind dann oft junge Menschen, die gerne Motorrad fahren und die bei diesem Hobby auch immer die Gefahr im Straßenverkehr haben, die einen vielleicht sensibel macht für solche existenziellen Gedanken von Spiritualität und der Idee vom Jenseits und dass noch etwas anderes in dieser Welt da ist. In unserem Institut haben wir vor einiger Zeit eine kleine Studie gemacht. Da ging es eigentlich um den Umgang mit Tieren und religiöse Aspekte, die dabei eine Rolle spielen. Dabei haben wir den Verein der Dackelfreunde bei der jährlichen Kevelaer-Wallfahrt begleitet. Das klingt absurd, aber wenn man mit diesen Menschen spricht und sie ernst nimmt, dann sieht man, dass da ganz tiefe, existenzielle Bedürfnisse hinter stecken.

domradio.de: Ob jetzt in Trier der Heilige Rock ausgestellt wird oder das Grabtuch von Turin besichtigt werden darf: Eine gewisse Form der Inszenierung gehört zur Wallfahrt dazu oder?

Hänel: Ja. Ich als Kulturanthropologin benutze diesen Begriff "Inszenierung" als wissenschaftlichen Hilfsbegriff. Man kennt diesen Begriff aus dem Theater und das klingt immer so ein bisschen danach, dass es nicht echt ist. Aber eigentlich tun wir das in unserem Alltag andauernd, dass wir Dinge in einer bestimmten Art und Weise darstellen. Und das passiert in einer Wallfahrt auch. Der ganze Ort ist im Prinzip architektonisch so aufgebaut, dass jeder, der da hinkommt, auf dieses Wallfahrtsziel hingelenkt wird und da bestimmte Rituale vollziehen kann. Sie brauchen Platz, um Prozessionen zu machen. Sie brauchen Anordnungen von Hoch und Niedrig, um etwas anbeten zu können. Solche Strukturen findet man überall.

domradio.de: Der mittelalterliche Pilger hat den Städten zwar die Berühmtheit und die Bedeutung verschafft, aber die Pilger waren wohl zunehmend lästig, weil sie überall um Almosen betteln mussten. Ist dagegen der heutige Pilger ein gern gesehener Wirtschaftsfaktor?

Hänel: Ja, das glaube ich schon, dass der heutige Pilger auch an den Wallfahrtsorten etwas mit Ökonomie und Wirtschaft zu tun hat. Aber das war in der Vergangenheit auch so. Man muss aber für das Mittelalter und die frühe Neuzeit Wallfahrt und Pilgern unterscheiden. Denn der Pilger machte sich auf den Weg und hat sein Leben verlassen, hat nicht mehr gearbeitet, sondern den Rest des Lebens auf dem heiligen Weg verbracht. Der hat zwischendurch um Almosen gebettelt. Die Wallfahrt dagegen war so etwas wie ein Urlaub, denn es war zeitlich auf ein bis drei Tage befristet. Das war ein Ausstieg aus dem Alltag. Und da spielt die Wirtschaft eine wichtige Rolle, denn die Leute haben am Wegesrand und am Wallfahrtsziel natürlich auch die Kneipe besucht, gefeiert, gegessen und Andenken gekauft. Wenn man Wallfahrtsorte anschaut, dann sieht man, dass kleine Orte davon wirtschaftlich stark profitiert haben. Heute ist das auch noch so, denn Wallfahrt hat heute etwas Touristisches, dass man nach dem Besuch des Gottesdienstes irgendwo Essen geht oder dergleichen. Die Andenken werden auch immer noch gekauft. Man schaut sich dann auch touristische Ziele in dem Ort an. Das wird heute vielmehr miteinander kombiniert, so dass die wirtschaftliche Bedeutung für die Orte auch relevant ist.

Das Interview führte Verena Tröster.

(dr)

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