Erzminenarbeiter im Süden des Kongo
Erzminenarbeiter im Süden des Kongo
Rund die Hälfte des weltweiten Kobalt-Bedarf stammt aus dem Kongo
Rund die Hälfte des weltweiten Kobalt-Bedarf stammt aus dem Kongo

19.01.2016

missio kritisiert Abbau von "Blutmineralien" im Kongo "Wir müssen genauer hingucken und nachfragen"

Im Kongo werden unter unmenschlichen Bedingungen Erze für unsere Smartphones geschürft. Amnesty International macht jetzt speziell auf den Kobalt-Abbau aufmerksam. Das katholische Hilfswerk missio kritisiert die "Blutmineralien" seit Jahren.

domradio.de: missio macht schon seit langem auf die Situation im Kongo aufmerksam. Was wissen Sie jetzt speziell über die Lage in den Kobaltminen?

Jörg Nowak (katholisches Hilfswerk missio): Mit der "Aktion Saubere Handys" kritisiert missio schon seit Jahren diese Zusammenhänge zwischen der Not im Kongo und den Handys in unserer westlichen Welt. Ich bin Amnesty auch sehr dankbar, dass sie auch auf diese Missstände aufmerksam machen, speziell was die Kobaltminen anbetrifft. Das ist sicherlich ein Detail. Wir reden im Kongo über insgesamt schätzungsweise zwei Millionen Kleinschürfer, die dort ums Überleben kämpfen und die mit dem wenigen Geld insgesamt geschätzt zehn Millionen Menschen irgendwie ernähren. Ich selbst war mehrmals im Kongo. Projektpartner von missio haben mich auch in diese Minen begleitet. Es gibt eigentlich insgesamt drei Arten von Minen. Erstens Minen, die in den Händen der Rebellen sind. Dann gibt es sogenannte freie Minen, wo die Menschen unter wirklich katastrophen Bedingungen arbeiten und ums Überleben kämpfen. Ganz selten sind noch die sauberen und zertifizierten Minen, wo Mineralien herkommen, wie zum Beispiel für dieses Fairphone. Und in den Minen im Osten des Kongos, wo ich war, berichteten mir die Menschen, dass sie da zwar ganz normal schürfen können, aber es gibt dort eben auch Kinderarbeit, es gibt sexuelle Gewalt und Überfälle. Diese Bedingungen - sei es nun die Kinderarbeit, auf die Amnesty International hinweist oder sexuelle Gewalt und Überfälle, Unglücke aufgrund der katastrophalen Arbeitsbedingungen - das sind unhaltbare Zustände. Und eine der Ursachen ist sicherlich die Verstrickung mit der großen Nachfrage nach Handys. 

domradio.de: "This is what we die for" - Das ist das, wofür wir sterben - so heißt der Amnesty-Bericht. Wofür sterben die Menschen im Kongo also? Dafür, dass wir hier nicht auf unsere schicken Markenhandys verzichten wollen?

Nowak: Die Handys sind sicherlich grundsätzlich wunderbar, die Frage ist: Wie sieht die Lieferkette aus? Wer profitiert und wie skrupellos oder wie ethisch korrekt werden die Geschäfte dort gemacht. Da muss man sich natürlich vorstellen, der Kongo ist eines der ärmsten Länder der Welt. Dort wütet auch seit dem Zweiten Weltkrieg der blutigste Konflikt - das vergessen wir oftmals, wenn wir unseren Blick auf Syrien und andere Länder lenken. Diese schwierige Situation im Kongo sorgt natürlich dafür, dass das Risiko für Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen sehr, sehr groß ist. Das bedeutet, dass wir viel genauer hingucken müssen und nachfragen müssen: Wo kommen denn unsere Waren her, seien es nun unsere Smartphones oder wir kennen das natürlich auch von fairen Bananen, fairem Kaffee und so weiter. Ich glaube, dass das Thema "saubere Handys" eigentlich seit längerer Zeit bekannt ist. Es muss da endlich zu einer Änderung kommen und der Druck - auch auf die Mobilfunk-Hersteller - muss einfach noch stärker werden.

domradio.de: Aber es gibt sie eben, die sauberen Handys. Das heißt, wir müssen als Smartphone-Nutzer jetzt nicht komplett auf mobile Telefone mit schönem Display verzichten?

Nowak: Ja, es gibt das sogenannte Fairphone. Das ist aus den Niederlanden gekommen und es ist beeindruckend, dass sich ein kleines Team von anfangs sechs Personen gesagt hat: Wir wollen zeigen, dass es doch geht, saubere Smartphones herzustellen. Ich finde, es ist richtig blamabel für Unternehmen wie Samsung, Apple, Sony und andere, dass es ein so kleines Unternehmen gebraucht hat, um das mal zu beweisen. Inzwischen gibt es auch ein faires Smartphone aus Deutschland, das sogenannte Shiftphone. Ich finde, das ist wirklich der sichtbare Beweis, dass es möglich ist. Aber der Marktanteil ist noch verschwindend gering - wenn wir uns vorstellen, dass vorraussichtlich in diesem Jahr 25 Millionen Smartphones verkauft werden. Und natürlich wird es jemandem, der sich an sein Iphone gewöhnt hat und auch dieses Betriebsystem sehr gerne nutzt, nicht so ganz einfach fallen, zu wechseln. Von daher gibt es eigentlich die Empfehlung, sich für so ein sauberes Fairphone oder Shiftphone zu entscheiden und gleichzeitig nochmal den Druck auf die Mobilfunk-Branche zu erhöhen. Deshalb appelliert Missio mit der "Aktion Saubere Handys" daran, dass die Hersteller endlich garantieren, dass sie keine direkten oder indirekten Geschäfte mit den Rebellen machen. Bislang haben 40.000 Menschen diese Aktion unterstützt. Das ist glaube ich eine beachtliche Zahl. Aber im Verhältnis zu den Millionen Handyusern ist es noch nicht ausreichend genug. Wir müssen einfach die Smartphone-Hersteller stärker in die Pflicht nehmen und die Stimme aus dem Kongo noch stärker wahrnehmen.

domradio.de: Was tun Sie im Land selbst ganz konkret, um den Menschen in dieser wirklich schwierigen Situation zu helfen?

Nowak: Es hat für missio damit angefangen, dass uns unsere Projektpartner um Unterstützung gebeten haben bei der Friedens- und Versöhnungsarbeit, beim Aufbau von Traumazentren, wo hunderte von Opfern des Krieges Hilfe gefunden haben. Mit Spenden aus Deutschland unterstützen wir diese Friedens- und Versöhnungsarbeit, auch diese Traumaarbeit. Und mit den Projektpartnern haben wir dann im Rahmen der Aktion Schutzengel ganz detailliert darüber gesprochen: Wie sieht das mit den Ursachen für diesen Konflikt aus. Da habe ich selber Frauen getroffen, die erzählt haben: Sie sind von Rebellen entführt worden. Sie mussten in den Minen arbeiten. Sie haben gesehen, wie ein Helikopter im Rebellengebiet, um die wertvollen Mineralien mitzunehmen. Da ist uns klargeworden: Wir müssen auch eine politische Forderung artikulieren, damit eine dieser Ursachen für diesen Konflikt endlich ausgemerzt wird. Das ist eine ganz wichtige Aufgabe im Rahmen dieser Kampagnenarbeit. Wir unterstützen unsere Projektpartner natürlich vor Ort bei der Friedens- und Versöhnungssarbeit, aber so lange nicht die Ursachen für diesen Konflikt beendet werden, so lange es nicht ganz saubere faire und ethische Lieferketten und Handelsbedingungen gibt, wird dieser Konflikt dort weitergehen. Deshalb sind wir dankbar für jede Unterstützung im Rahmen der Aktion Schutzengel.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(dr)

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