Stephan Rether, Leiter des Katholischen Büros im Magdeburg
Stephan Rether, Leiter des Katholischen Büros im Magdeburg
AfD-Kundgebung und Gegendemo in Magdeburg
AfD-Kundgebung und Gegendemo in Magdeburg

18.02.2016

Die katholische Kirche in Sachsen-Anhalt zum Umfragehoch der AfD Taten statt Worte

Laut aktuellen Umfragen ist die AfD in Sachsen-Anhalt auf dem Weg in den Landtag - mit Werten von 17 Prozent. Stefan Rether vom Katholischen Büro in Magdeburg über den Umgang der katholischen Kirche mit dem Erfolg der Rechtspopulisten.

domradio.de: 17 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt würden die AfD wählen. Das kann sich zwar alles noch ändern, aber meinen Sie, das sind Protestwähler oder was bewegt die Menschen dazu, diese Partei zu wählen? 

Stephan Rether (Leiter des Katholischen Büros in Magdeburg): Vorneweg, die AfD ist sicherlich kein rein ostdeutsches Phänomen. Wenn Sie sich die Umfragen in allen Bundesländern angucken, muss man sagen: Die AfD ist überall umfragepräsent. Aber richtig ist durchaus: In allen osttdeutschen Bundesländern gibt es zweistellige Umfragewerte zugunsten der AfD. Es ist schon eine Situation, die uns unmittelbar betrifft und die uns natürlich mit Blick auf die Landtagswahl am 13. März ganz direkt berührt. Die AfD selbst ist nach meinem persönlichen Dafürhalten ein zweifelhafter Profiteur gesellschaftlicher Stimmungen und Besorgnisse. Diese Stimmungen werden von der AfD nicht nur aufgegriffen, sondern weiter geschürt und weiter verstärkt. Drei Stichworte will ich nennen: Angst vor Überfremdung, Sorge vor kriminellen Übergriffen und Unsicherheiten, wie das eigene Leben durch die künftigen Veränderungen beeinflusst werden mag. Ich glaube, das sind die gesellschaftlichen Ursachen, warum die AfD zur Zeit so präsent ist.

domradio.de: Gute 50 Prozent der 2,2 Millionen Menschen in Sachsen-Anhalt würden Parteien der politischen Mitte wählen. Der Rest sieht sich eher in den extremen Flügeln - also einerseits Linkspartei, andererseits AfD. Warum, glauben Sie, polarisiert sich das so? 

Rether: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, dass hier in Sachsen-Anhalt noch keine etablierte Parteibindung stattgefunden hat - trotz der Tatsache, dass wir schon über zwei Jahrzehnte ein Bundesland im förderalen System dieser Republik sind. Anders als in anderen parteipolitischen Milieus der westlichen Bundesländer gibt es hier eine Vielzahl von Wechselwählern und eine ganz geringe Zahl von Stammwählern oder Parteimitgliedern. Das heißt, die Beweglichkeit des Wählers ist extrem hoch. Die katholische Kirche hat sich stets dafür eingesetzt, die AfD und ihre Programmatik höchst kritisch zu betrachten. Der Bischof von Magdeburg, Dr. Feige, hat sich im vergangenen Oktober gemeinsam mit dem BDKJ alsdrücklich von der AfD und deren Inhalten distanziert. An dieser Position halten wir auch fest.

domradio.de: Was bedeutet denn ein drohender Sieg der AfD für die Kirche in Sachsen-Anhalt? Sie müssen sich ja auch irgendwie mit den Abgeordneten auseinandersetzen, oder?

Rether: Wir haben darin leider eine gewisse Übung, denn in einer der vorangegangenen Legislaturen war auch die DVU mit einer Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt vertreten. Insofern gibt es dort unter den politisch Aktiven schon gewisse Erfahrungen. Es ist für uns schon ein gewisses Spannungsfeld und für mich persönlich als Bevollmächtigter der katholischen Bischöfe gegenüber der Landespolitik erst Recht. Einerseits muss man sagen, dass die Programmatik der AfD mit dem christlichen Menschenbild aus einer Vielzahl von Gründen nicht vereinbar ist - wenn man alleine schon die Äußerungen zum Schusswaffengebrauch auf Flüchtlinge einbezieht, den die Führungsspitze getätigt hat.

Ich will Ihnen aber auch noch ein Beispiel aus einer ganz anderen Ecke geben: Im Parteiprogramm steht zum Beispiel diese Forderung nach einem autoritären Staat, der dafür sorgen soll, dass die Bühnen des Landes auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen. Das ist natürlich mit dem Blick auf die Freiheit von Kunst, Kultur und dem Verfassungsrecht, vorsichtig ausgedrückt, mehr als bedenklich. Andererseits muss man natürlich sehen, wenn die AfD mit einer bestimmten Prozentzahl in den Landtag gewählt wird, dann ist es eben diese bestimmte Prozentzahl Wahlberechtigter des Landes Sachsen-Anhalt, die von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben und diese Volksvertreter gewählt haben. Also kann man nicht sagen, dass es eine komplette Ächtung nachher im politischen Alltag gibt. Denn das hieße, dass wir als Kirche die Wahlentscheidungen von gewissen Teilen der Bevölkerung ignorieren, und das wiederum ist jenseits aller guten Sitten.

domradio.de: Was bedeuten die Sorgen der Menschen für die Arbeit der Kirche als Seelsorger? Wie geht die Kirche da ran, an die Bewältigung der Ängste?

Rether: Wir sind im Rahmen unserer Möglichkeiten seit Beginn dieser ganzen Entwicklung, das heißt seit spätestens Mitte des vergangenen Jahres, sowohl durch unsere Verbände als auch durch einzelne Handelnde im dienstlichen und privaten Alltag hoch aktiv. Wir sagen, dass es nicht sein kann, dass wir Menschen, die in Not sind und die uns um Hilfe bitten, um ihr Leben zu retten und über die Zeit zu kommen bis in ihrer Heimat wieder befriedete Verhältnisse herrschen oder die vielleicht auch hier bleiben wollen, die Türe vor der Nase zuschlagen. Das kann nicht sein.

Da engagieren wir uns in vielfältiger Weise: Ob das die Erstaufnahmeeinrichtungen sind, wo der Diözesancaritasverband die Erstberatung in allen Einrichtungen im Land Sachsen-Anhalt übernommen hat. Ob es die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge sind, wo ein Verband der Caritas ganz wesentlich dazu beiträgt, Pflegschaften und Vormundschaften für diese Kinder und Jugendlichen zu organisieren. Ob es Einrichtungsträger von Pfarrhäusern bis hin zu Klöstern sind, die sagen, sie prüfen noch einmal sehr sorgfältig, ob und in welchem Umfang sie Wohnraum zur Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung stellen. Das alles machen wir, weil wir einfach der Überzeugung sind, dass die überzeugendere Wirkung nicht das Wort sondern die Tat ist. Wir versuchen wirklich, da mit gutem Beispiel voran zu gehen und hoffen, dass wir viele Nachahmer finden, die sowohl im Handeln als auch mit Verstand und der richtigen Einstellung an diese Situation herangehen.

Das Interview führte Dr. Christian Schlegel.

(dr)

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