Jesidin veröffentlicht Buch über IS-Gefangenschaft
Unter dem Pseudonym Shirin schreibt eine junge Jesidin über ihr Martyrium durch den IS

28.01.2016

Jesidin veröffentlicht Buch über ihre IS-Gefangenschaft "Ich bin nicht mehr die, die ich war"

"Uns sicher zu fühlen - das müssen wir erst wieder lernen." So hat die junge Jesidin in ihrem Buch das Kapitel "Deutschland" überschrieben. Sie hat unter der IS-Miliz ein Martyrium durchlebt, Folter, Vergewaltigung. Sie will, dass die Welt davon erfährt.

Die Autorin, die unter dem Pseudonym Shirin veröffentlicht, sitzt am 25.01.2016 in München an einem Tisch, auf dem ihr Buch "Ich bleibe eine Tochter des Lichts" steht. Die Jesidin und Kurdin wurde im Nordirak von IS-Terrormilizen verschleppt, gequält und vergewaltigt, dann gelang ihr die Flucht. Ihre Geschichte hat sie zusammen mit einer deutschen Journalistin aufgeschrieben.

Sie war jung, klug und gern mal etwas vorlaut. Sie wollte Jura studieren. Und vielleicht den angehenden Lehrer Telim heiraten. Die Welt schien ihr offen zu stehen. Da überfielen IS-Terroristen ihr Dorf Hardan im Nordirak nahe der syrischen Grenze. Shirin, damals 17, wurde entführt, misshandelt, verkauft und als Sex-Sklavin gehalten. Auf abenteuerliche Weise gelang ihr die Flucht.

"Wir haben die Gefahr nicht erkannt"

Jetzt ist die junge Kurdin jesidischen Glaubens 19 Jahre alt, lebt in Deutschland und berichtet unter dem Pseudonym "Shirin" über ihren Leidensweg und den ihrer Schicksalsgenossinnen. "Ich bleibe eine Tochter des Lichts", heißt das Buch, in dem sie, aufgeschrieben von der Journalistin Alexandra Cavelius, ihre Geschichte erzählt.

3. August 2014, gegen 7.00 Uhr. "Wir waren so blind, wir haben die Gefahr nicht erkannt", schreibt sie über diesen Tag, der das Leben ihrer Familie und der anderen Jesiden im Sindschar-Gebiet zerstörte. Sie hatten geglaubt, was die IS-Kämpfer sagten: Wenn ihr Muslime werdet, geschieht euch nichts. Zu spät brachen sie zur Flucht auf, das Dorf war eingekesselt - es gab kein Entrinnen. Zusammen mit mehreren Hundert anderen Frauen und Kindern werden Shirin, ihre Mutter, der jüngere Bruder und die beiden Schwestern verschleppt.

Mädchen werden verkauft, Jungen zu IS-Kämpfern gemacht

Shirin wird von ihnen getrennt, als Sklavin verkauft, gequält und immer wieder zu Sex gezwungen. "Erst nach zwei Monaten haben sie ihre Masken abgenommen. Da haben wir in die Gesichter all unserer arabischen Nachbarn geblickt", schreibt sie. Ein Selbstmordversuch. Eine Abtreibung. Mit neun Männern wird sie in diesen Monaten "verheiratet". Der letzte verhilft ihr zur Flucht.

Mehr als 7000 Frauen und Kinder gerieten nach dem Massaker in IS-Geiselhaft, rund 2500 kamen dem Zentralrat der Jesiden in Deutschland zufolge bislang frei. Die Schicksale ähneln dem Shirins. "Mädchen gelten ab sieben Jahren als vollwertige Frau", sagt Holger Geisler vom Zentralrat. Männer werden ermordet, Jungen zu IS-Kämpfern gemacht, Mädchen verkauft und vergewaltigt.

"Perfide Strategie des IS"

Shirin kam nach Deutschland. Baden-Württemberg hat ein Projekt gestartet, um bis zu tausend schutzbedürftige Frauen und Kinder aufzunehmen und zu behandeln. Der Traumaexperte Jan Kizilhan betreut Shirin und andere Frauen. Er kommentiert das Buch, liefert Hintergründe. Immer wieder reist er in den Nordirak, kümmert sich um Opfer.

"Hinter den Vergewaltigungen steckt eine perfide Strategie der IS-Milizen. Streng konservativ organisierte Teile der Jesiden sehen den Verlust der Jungfräulichkeit der jungen Mädchen als Entehrung für sie und die gesamte Familie. (...) Erschwerend dazu kommt, dass die Männer den Eindruck haben, beim Beschützen ihrer Familie versagt zu haben." Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung.

Gegen das Vergessen

Nun sitzt Shirin in München, ein heller Raum in Uni-Nähe. Blass, die dunklen Haare zurückgebunden. Helle Bluse, dunkle Hose, brauner Schal. Erschöpft. Interviews. Immer wieder Fragen. Ihre Dolmetscherin Nalin Farec, auch sie Jesidin, hält unter dem Tisch ihre Hand.

Shirins Familie, so weit am Leben, wäre in Gefahr, wenn ihre Identität bekannt würde. "Ich mache das für mein Volk. Damit die Menschen nie vergessen, was der IS mit den Jesiden gemacht hat. Dass noch sehr viele gefangen sind und in Flüchtlingslagern", sagt sie in ihrer Muttersprache Kurmandschi. Nalin übersetzt. Am Handgelenk tragen beide traditionelle rot-weiße Bändchen. Die Peiniger haben Shirin das ihre weggerissen, Nalin hat ihr hat ein neues geschenkt.

Vater im Flüchtlinger, Mutter in Gefangenschaft

Shirin hat sich selbst als lebenslustige junge Frau beschrieben. Früher, vor jenem 3. August. "Ich bin nicht mehr die, die ich einmal war", sagt sie heute. "Leute, die mich kennen, sagen: Sie hat sich um 180 Grad gewendet. Ich kannte das früher nicht, dass ich so ängstlich war. Manchmal erschrecke ich, wenn nur ein Auto vorbeifährt."

Fast jeden zweiten Tag telefoniert sie mit ihrem Vater in einem der Flüchtlingslager. "Solange es dir gut geht, geht es mir auch gut", habe er kürzlich gesagt. Gerade bekam sie eine Nachricht, dass die Mutter lebt - in IS-Gefangenschaft in Syrien. Von beiden Brüdern und beiden Schwestern fehlt jede Spur. Die Vermutung: Der ältere Bruder tot. Der jüngere in einem Camp, um zum IS-Kämpfer gemacht zu werden.

Häuser der Jesiden zerstört

Und Shirin, das Jurastudium, vielleicht in Deutschland? "Ich traue es mir nicht wirklich zu." Rechtsanwaltsgehilfin lautet das schmalere Ziel. "Ich würde gern den Führerschein machen und Auto fahren." Busse mag sie nicht. In Bussen wurden sie und ihre Schicksalsgenossinnen verschleppt, stundenlang eingepfercht, dem Ersticken nahe.

Shirin sehnt sich nach dem Brot ihrer Heimat. Zu Hause in Hardan wurde es im Ofen an den Steinen angeklebt und so gebacken. Shirin und ihre Dolmetscherin schwärmen gemeinsam davon. Heimweh. Aber der IS hat die Häuser der Jesiden dem Erdboden gleich gemacht oder vermint, das Trinkwasser verseucht. Hardan ist heute ein Geisterort.

Sabine Dobel
(dpa)

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