Pfarrer Christian Wolff
Pfarrer Christian Wolff
Rechte Parole an Leipziger Ortsschild (Archiv)
Rechte Parole an Leipziger Ortsschild (Archiv)

11.01.2016

Pfarrer Wolff zu den Protesten in Leipzig "Eine Logik, die überhaupt nicht geht"

In Leipzig begeht die islam- und fremdenfeindliche Legida ihren ersten Jahrestag. Pfarrer Christian Wolff warnt: Die Konsequenz aus der Silvesternacht in Köln dürfe nicht ein menschenunwürdiger Umgang mit Flüchtlingen sein.

domradio.de: Sehen Sie die Lichterkette als Gegendemo zur Legida-Demo?

Christian Wolff (Mitbegründer Initiative "Willkommen in Leipzig" und ehemaliger Pfarrer der Thomaskirche): Nein, das ist vor allen Dingen ein deutliches Zeichen, wofür wir in unserer Stadt eintreten. Natürlich heißt das immer auch, dass man sich gegen ganz bestimmte Tendenzen wendet, zum Beispiel die militante Fremdenfeindlichkeit, die ja nun auch dazu geführt hat, dass es über 500 Anschläge im vergangenen Jahr auf Asyl- und Flüchtlingsunterkünfte gegeben hat. Wir wehren uns auch dagegen, dass es Gruppen gibt, die sich nur über eines definieren, nämlich eine militante Abwertung anderer Menschen. Das ist ein Kriterium, an dem man festmachen kann, ob eine Kritik zu einem Diskurs aufruft oder ob es nur darum geht, Fronten aufzubauen gegen bestimmte Menschengruppen. Das bedeutet immer auch, dass pauschalisiert wird und dass die Grenze zur Gewalt ganz schnell überschritten wird.

domradio.de: Die sexuellen Übergriffe von Köln sind erwartungsgemäß Wasser auf die Mühlen der Fremdenfeinde im Land - wie wird sich das am Abend wohl in Leipzig äußern?

Wolff: Dass Gesetze, Grundwerte missachtet werden, wie das bei den sexuellen Übergriffen in Köln und in anderen Städten geschehen ist, ist doch kein Grund dafür die Grundwerte nun einzuschränken oder abzuschaffen oder in Frage zu stellen. Was dort sichtbar geworden ist, sind himmelschreiende Missstände, aber das kann doch nicht dazu führen nun zu sagen, weil in Köln sexuelle Übergriffe auch durch Asylbewerber und Flüchtlinge geschehen sind, deswegen gehen wir jetzt menschenunwürdig mit den Flüchtlingen um. Das ist ja eine Logik, die überhaupt nicht geht. Gerade deswegen treten wir für unsere Grundwerte ein.

domradio.de: Hier in Köln haben am Sonntagabend mutmaßliche Rechtsradikale Ausländer zusammengeschlagen. Das ist schrecklich. Wie kann man verunsicherte Bürger zu einem differenzierten Denken ermutigen? 

Wolff: Indem man zum Beispiel erst einmal eine solche Aktion schafft wie die Lichterkette, die ganz viele Menschen, junge Menschen, Familien und auch Flüchtlinge dazu bringt, mitzumachen - angstfrei mitzumachen. Diese Aktion führt ja auch zu ganz vielen Diskussionen in den Familien, in den Betrieben und am Stammtisch und das ist ja auch bezweckt. Wir müssen natürlich über den Weg des Zusammenlebens und auch den Weg der Integration miteinander reden und durchaus auch kontrovers reden. Nur das, was zum Beispiel bei Legida und Pegida passiert, das ist ein Vor-sich-hin-Trotten, ein Sich-gedanklich-Abschotten und der Aufbau von Feindbildern, zu denen ja nicht nur die Flüchtlinge gehören, sondern auch die Medien und die Politiker, letztlich auch die Demokratie. Wir müssen dafür sorgen, dass wir in unseren Städten und in den Kommunen das multireligiöse und auch multikulturelle Zusammenleben bejahen und gestalten und aufhören mit der Demokratieverachtung, aufhören mit dem Politikerbashing und sehr deutlich dieses Zusammenleben der verschiedenen Gestalten machen. Das ist nicht leicht und das fordert uns auch Klarheit ab. Es hat überhaupt keinen Sinn, Missstände zu verschweigen oder sonst Leute mit Samthandschuhe anzufassen. Wir brauchen die Bejahung unserer Grundrechte, die Bejahung unserer Demokratie.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(dr)

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