Studierende des Abraham Geiger Kollegs (Archivfoto)
Studierende des Abraham Geiger Kollegs (Archivfoto)
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

30.03.2016

Eklat um Rabbineranwärter am Abraham Geiger Kolleg Rauswurf nach Rassismusvorwürfen

Am bekannten Rabbinerseminar in Potsdam sorgt die Entlassung eines Kandidaten für Ärger. Der 25-Jährige, der sich für den jüdisch-islamischen Dialog einsetzt, hatte dem Zentralrat der Juden Rassismus vorgeworfen.

Das Abraham Geiger Kolleg ist kein alltäglicher Ausbildungsort. Das Potsdamer Rabbinerseminar ist das erste seiner Art in Kontinentaleuropa seit dem Holocaust. Benannt nach dem Vordenker des Reformjudentums Abraham Geiger (1810-1874), hat sich das Kolleg einen Namen gemacht - Studenten aus aller Welt bewerben sich. Nun sorgt die Entlassung eines Studenten nach Kritik am Zentralrat der Juden für Schlagzeilen.

Der angehende Rabbi ist kein Unbekannter. Der 25-jährige Armin Langer gründete 2013 die Neuköllner Initiative "Salaam-Schalom". Das jüdisch-islamische Dialog-Projekt, das von Bundespräsident Joachim Gauck gewürdigt wurde, war eine Reaktion auf Äußerungen des Berliner Rabbis Daniel Alter. Dieser hatte den Stadtteil auch wegen des hohen Anteils an Muslimen als "No-go-Area" für Juden bezeichnet.

Vorwurf an Zentralratspräsident

Für Langer ein falsches Bild seines Kiezes. Der gebürtige Ungar wohnt seit drei Jahren in Neukölln - mit und zwischen Muslimen. "Antisemitismus ist nichts Muslimisches", betont Langer und ergänzt: "Ich habe nie behauptet, dass es keinen Antisemitismus in Berlin gibt, aber ich bin gegen jede Form von Rassismus." Diesen warf er dem Zentralratspräsidenten Josef Schuster vor - in seiner Funktion als Vertreter der Dialog-Initiative, wie er betont.

Hintergrund war ein Zitat Schusters, das in einem Zeitungsporträt des Zentralratspräsidenten Verwendung fand. "Viele der Flüchtlinge fliehen vor dem Terror des Islamischen Staates und wollen in Frieden und Freiheit leben, gleichzeitig aber entstammen sie Kulturen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil sind", so Schuster, der dafür auch Widerspruch erntete.

Folgen für die Karriere

Langers Kritik fiel besonders scharf aus - und hat nun Folgen für seine Karriere. "Mein Vorschlag wäre, dass sich der Zentralrat der Juden zum Zentralrat der rassistischen Juden umbenennt", schrieb Langer in der "tageszeitung". Wer behaupte, dass Antisemitismus vor allem unter Arabern vorkomme, sei "entweder dumm und hat schlechte Berater - oder er ist einfach ein Rassist". Seine Wortwahl sei zu emotional gewesen, sagt Langer heute.

Für die Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschland waren Langers Äußerungen in der "taz" jedoch Grund genug, dem Kolleg zu empfehlen, Langer nicht auszubilden. Das Kolleg prüfte den Fall. Und entschied sich, den Ausbildungsvertrag zu beenden, da das "Vertrauensverhältnis zu dem Rabbinerkandidaten nachhaltig verletzt" sei. Langer habe sich mehrfach nicht an die in einem Handbuch des Kollegs formulierte Vorgabe gehalten, seine Medienauftritte mit der Presseabteilung abzustimmen.

Entschuldigung für Wortwahl und Bewährungszeit

Für den 25-Jährigen ein Schock. "In meinem Vertrag steht nichts zum Umgang mit Medien und ich kenne das Handbuch, aber ich hatte von der Pressestelle des Kollegs das OK bekommen, mich als Vertreter der Dialog-Initiative in den Medien zu äußern", sagt Langer. Er habe seine Autorität als Rabbineranwärter nicht missbraucht. Bei Schuster habe er sich für seine Wortwahl entschuldigt, ebenso wie beim Rektor des Kollegs, Walter Homolka.

Für Homolka ist die Causa Langer ein schwieriger Fall. Er sei deprimiert, dass es so gelaufen sei. "Unsere Entscheidung sollte nicht als Kritik am Engagement Langers verstanden werden, sich für den jüdisch-muslimischen Dialog einzusetzen", betont Homolka. Jeder Kandidat benötige aber für eine Ordination und als künftiger Repräsentant des Judentums "die Rückendeckung und Unterstützung der Religionsgemeinschaft". Dafür sei die fünfjährige Ausbildung eine "Testphase", bei der etwa 30 Prozent der Anfänger nicht ans Ziel kämen. "Oft auf Initiative des Kandidaten. Manchmal leider auch durch unsere Entscheidung", sagt Homolka. Langer habe es "wiederholt am notwendigen Fingerspitzengefühl" gefehlt - es sei zu viel Vertrauen verloren gegangen.

"Mein Traumjob ist weiterhin Rabbiner", sagt Langer, der sein Studium der Jüdischen Theologie an der Universität Potsdam weiterführen kann. Das Kolleg hat ihm eine Bewährungszeit von 12 Monaten eingeräumt. "Ich werde mich noch einmal bewerben, aber unter der Bedingung, dass mir mein Recht auf freie Meinungsäußerung gewährt wird", betont er.

(KNA)

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