Brandsatz auf Wuppertaler Synagoge
Brandsatz auf Wuppertaler Synagoge
Wie sicher sind Juden in Deutschland?
Wie sicher sind Juden in Deutschland?

29.07.2014

Zum neuen und alten Judenhass in Deutschland "Antisemitismus gibt es überall"

Auf die Wuppertaler Synagoge wurde ein Anschlag verübt. Antisemitismus ist wieder ein Thema in Deutschland. Prof. Monika Schwarz-Friesel von der TU Berlin untersucht seit zehn Jahren, wie antisemitisch die Deutschen sind. Im domradio.de-Interview spricht sie über ihre Erkenntnisse.

domradio.de: Woran erkennen Sie, dass Antisemitismus in Deutschland ein neues Maß erreicht hat?

Schwarz-Friesel: Hier gibt es sehr viele empirische Beobachtungen. Wir analysieren ja schon seit zehn Jahren aktuellen Antisemitismus, vor allem die Verbalform, also wie sich im Kommunikationsraum Antisemitismus artikuliert. Ganz konkrete Beispiele: Wenn wir uns mal die Leserbriefe vor zehn Jahren anschauen. Da haben wir Corpus-Analysen, also repräsentative große Mengen von Leserbriefen analysiert. Da waren es beispielsweise 9,2 Prozent, die antisemitische Stereotype artikulierten. Wir haben jetzt neue Stichprobenuntersuchungen gemacht. Jetzt sind es schon 37 Prozent. Wir sehen, dass sich nicht nur die Qualität verändert, sondern tatsächlich auch die Quantität. Und wir sehen es auch am Anfang unseres Projektes zu den Internetanalysen, dass die Schnelligkeit und die Häufigkeit und auch das Ausmaß der Internetkommentare in diesen Tagen sich rasant entwickelt - viel, viel stärker als in den Jahren zuvor.

domradio.de: Wenn Sie Menschen, die antisemitische Äußerungen von sich geben, fragen, ob Sie antisemitisch sind - dann werden die das konsequent abstreiten. Trotzdem sind es ja meistens diejenigen, die sagen, es müsse doch möglich sein, Israel zu kritisieren, die dann oft danach antisemitische Klischees von sich geben. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Schwarz-Friesel: Auf jeden Fall. Das ist richtig. Das haben wir schon in unserer großen Corpus-Studie zu den E-Mails und Briefen an die Botschaft und an den Zentralrat gesehen. Über 60 Prozent kommen aus der sogenannten Mitte. Wir hatten nur ungefähr drei Prozent rechtsradikale Schreiber, ansonsten zum Teil sehr, sehr gebildete Menschen aus Deutschland. Sie leugnen in der Tat immer vehement, antisemitisch eingestellt zu sein. Das passt ja nicht zum Selbstbild eines aufgeklärten Bürgers, insbesondere nicht nach der Erfahrung des Holocaust. Hier muss man auch immer wieder mit einem Vorurteil aufräumen: Kritik an Israel ist nicht nur möglich, sondern wird auch in Deutschland ganz besonders intensiv betrieben. Leider geistert immer wieder aus dem Bauch heraus das Gefühl, man dürfe Israel nicht kritisieren. Aber auch hierzu haben wir empirisch gearbeitet, das sind also Fakten gegen Meinung. Wir haben andere Konflikte untersucht, Russland, China, Pakistan, etc. und haben in den letzten zehn Jahren durch Corpus-Studien immer wieder feststellen können: Im deutschen Diskurs wird kein anderes Land der Erde so scharf und so intensiv kritisiert wie Israel. Also das ist ein Irrglaube, es gebe irgendeine Form von Tabu-Kritik in Bezug auf den jüdischen Staat Israel.

domradio.de: Und in welchem politischen Spektrum findet sich denn dieser Antisemitismus am meisten?

Schwarz-Friesel: Wir finden ihn überall. Und hier kommen wir zu einem nächsten Vorurteil. Viele Menschen glauben immer noch, dass Antisemitismus primär in der rechten Ecke angesiedelt sei. Das kann man so nicht mehr aufrechterhalten. Wir sehen sehr, sehr stark zum Beispiel auch einen linken Antisemitismus. Linksextremisten aber, wie wir aus den Diskussionen und Analysen wissen, auch die Partei Die Linke hat ja immer wieder ein Problem und diskutiert über dieses Thema. Wir haben aber auch ganz klar einen großen Bodensatz im gebildeten Deutschland. Das sollte nicht überraschend sein, weil Antisemitismus oder Judenfeindschaft ja immer eigentlich immer erstmal von den gebildeten Schreibpulten gekommen ist, bevor er auf die Straße kam. Die Aufklärung nach dem Holocaust hat nicht überall flächendeckend dazu geführt, dass tatsächlich dieses uralte Ressentiment aus den Köpfen verschwunden ist. Also, Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem heute, nach wie vor.

domradio.de: Meinen Sie denn, diese Auswüchse des Antisemitismus oder Antijudaismus werden nach dem Ende des Gazakonflikts wieder abflauen oder werden sie bestehen bleiben?

Schwarz-Friesel: Die bleiben bestehen, weil wir das ja schon seit zehn Jahren in diesen Wellen immer wieder beobachten. Die Gazakrise ist ja, das muss man sich klarmachen, nur ein Auslöser. Ein Auslöser, ein Ventil, wo die tief in der Gesellschaft verankerten antisemitischen Ressentiments jetzt zum Vorschein kommen durch diesen Konflikt. Was sich verändern wird, wenn es zu einer Befriedung kommt, wenn es zu einer Beruhigung der Lage kommt, das sehen wir ja seit über zehn Jahren, sind diese massiven Verbalantisemitismen, die zurzeit ja auch auf der Straße zu hören sind. Die werden wieder zurückgehen. Aber der Antisemitismus in den Köpfen, der wird natürlich nicht verschwinden.

Das Gespräch führte Christian Schlegel.

(dr)

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