28.11.2012

Angela Merkel pflegt zum Judentum eine besondere Beziehung

"Eure Rede aber sei ja, ja, nein, nein"

Es gibt nur wenige Themen, bei denen Bundeskanzlerin Angela Merkel so emotional, persönlich und eindeutig reagiert wie beim Verhältnis zur jüdischen Minderheit in Deutschland und den Beziehungen zu Israel.

Das ist ihr Herzensanliegen, da macht sie sich durch Wortwahl und Haltung Freunde - und auch schon mal Gegner. Zu einer "Komikernation" würde Deutschland, spottete sie, wenn es mit einem Verbot der Beschneidung einen weltweiten Sonderweg gehen würde. Manche in der Union hätten sich da eine abwägendere Äußerung gewünscht.

In der Affäre um den Holocaustleugner und Traditionalistenbischof Richard Williamson im Februar 2009 schreckte die Kanzlerin auch nicht vor Kritik an Papst Benedikt XVI. zurück. Der Papst und der Vatikan müssten "sehr eindeutig klarstellen, dass es hier keine Leugnung geben kann und dass es einen positiven Umgang mit dem Judentum geben muss", hatte sie seinerzeit gefordert und ihre Einmischung in innerkirchliche Angelegenheiten mit dem Satz begründet, dass es hier "um Grundsatzfragen geht". Die anschließende Verstimmung in den Beziehungen Deutschlands zum Heiligen Stuhl und das hörbare Grummeln von papsttreuen Katholiken in ihrer Partei nahm sie dabei in Kauf.

Am heutigen Mittwoch ehrt die jüdische Gemeinde zu Berlin die Kanzlerin mit dem Heinz-Galinski-Preis. Vergangene Woche war sie zu Gast in der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland. Zuletzt hatte Bundeskanzler Konrad Adenauer vor 50 Jahren dieses Gremium besucht. 2007 erhielt Merkel den Leo-Baeck-Preis, die höchste Auszeichnung des Zentralrats. Die zahlreichen Ehrungen sind der vielfältige Dank an Merkel für ihre kompromisslose Haltung - nicht nur innenpolitisch, sondern auch in Fragen des Nahost-Konflikts.

"Wir lassen Israel nicht allein"
2008 war sie der erste ausländische Regierungschef überhaupt, der vor dem israelischen Parlament, der Knesset, in Jerusalem sprach. "Wir lassen Israel nicht allein", sagte sie damals. Das Existenzrecht Israels sei "Teil der deutschen Staatsraison", so lautet ihr Mantra, das auch in der aktuellen Lage seine Wirkung entfaltet. Die Opposition bemängelt, der Handlungsspielraum deutscher Außenpolitik würde durch Merkel eingeschränkt. Doch das ficht sie nicht an. 2007 erläuterte sie, dass die DDR, in der sie 35 Jahre lebte, Israel nie anerkannt und auch die Aufarbeitung des Nationalsozialismus nicht als ihre Aufgabe angesehen habe. Merkels Haltung heute scheint auch eine Art Gegenreflex zu dieser Erfahrung zu sein.

Die Laudatio für den Leo-Baeck-Preis hielt 2007 der aus einer jüdischen Familie stammende Liedermacher Wolf Biermann. "Wir passen schön schlecht zusammen, und das macht die Konstellation so interessant", sagte Biermann damals. Doch in der Verteidigung Israels sind sich die beiden in Ostdeutschland sozialisierten gebürtigen Hamburger einig. Biermann lobte Merkel dafür, dass sie den Krieg von George W. Bush 2003 im Irak verteidigt habe. Damals gab es in der CDU und auch in den Kirchen deutliche Kritik an Merkels anti-pazifistischer Haltung. Sogar Papst Johannes Paul II. sprach mit ihr darüber. Biermann würdigte hingegen ihre "lutherische Grundhaltung" nach dem Motto: "Eure Rede aber sei ja, ja, nein, nein."

Es geht auch um die Freiheit heute
Bei ihrem Auftritt vor dem Zentralrat der Juden in der vergangenen Woche wurde aber noch eine andere Merkelsche Argumentationsweise deutlich. Es geht nicht nur um Geschichte, es geht auch um die Freiheit heute, die Freiheit der Religionsausübung. Das Recht auf Beschneidung ist ihr wichtig, weil sie sich lebendiges jüdisches Leben in Deutschland wünscht. "Religiöse Rituale sind ein hohes Gut", sagte sie, was dann implizit auch den Islam mit einschließt.

Bei ihrer Dankesrede 2007 nannte sie drei Facetten ihres Engagements: Neben dem Einsatz für Israel sei das der Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus sowie der Einsatz für ein friedliches Miteinander. Doch bei Merkel ist das Plädoyer nicht nur bequem und freundlich. "Toleranz darf nicht Beliebigkeit bedeuten", warnt sie. "Toleranz darf nicht schweigen. Toleranz muss für eigene Werte einstehen."

Volker Resing