Düzen Tekkal (r.)
Düzen Tekkal (r.)

17.03.2016

Buchautorin Tekkal über Radikalisierung und neue Bürgerpflichten "Bildung schützt nicht vor Extremismus"

Der Erfolg der rechtspopulistischen AfD bei den Wahlen am Wochenende hat Düzen Tekkal nicht überrascht. Die jesidische Autorin kurdischer Abstammung sieht nun Politik und Religionsgemeinschaften in der Pflicht, aber auch jeden Einzelnen.

KNA: Frau Tekkal, übertreiben Sie nicht ein wenig mit dem Titel Ihres Buches "Deutschland ist bedroht"?

Tekkal: Der Titel spitzt zu, aber ich habe mich bewusst dafür entschieden. Er beginnt im Persönlichen und meint das Gesellschaftliche, das wir gegenwärtig erleben. Schon vor den Landtagswahlen hatte ich das Gefühl, dass über manche Themen nicht ehrlich genug gesprochen wird. Daraus erwächst die Gefahr, dass auch intelligente Menschen aus Protest die AfD wählen: Sie haben den Eindruck, dass ihre Meinung nicht mehr zählt.

KNA: Ist dieser Eindruck gerechtfertigt?

Tekkal: Wer sich als Deutscher in der Flüchtlingsdebatte kritisch äußert, dem wird schnell eine rechte Gesinnung unterstellt. Zugleich werden wir Zeugen einer gescheiterten Integrationspolitik. Es sind Menschen aus der zweiten, dritten Generation von Einwanderern, die sich beispielsweise dem "Islamischen Staat" anschließen. Umgekehrt nutzen Terroristen die Flüchtlingsströme, um den Terror ins Land zu holen. Wenn das vor wenigen Monaten geäußert wurde, dann gab es einen Aufschrei, gerade von den etablierten Parteien. Aber letztlich ist genau das eingetroffen. Dafür brauchen wir Lösungsansätze.

KNA: Welche Rolle spielen die Medien?

Tekkal: Die Übergriffe von Silvester haben gezeigt, wie wichtig es ist, falsche Tabus hinter sich zu lassen. Täter ist Täter. Und wenn ein Täter einen Migrationshintergrund hat, der im Zusammenhang mit seinen Taten steht - und den sehe ich bei den Silvester-Gewalttaten -, dann ist es gefährlich, das nicht zu benennen. Übertriebene politische Korrektheit ist kontraproduktiv, weil Extremisten sich bestätigt fühlen. Um Probleme zu lösen, müssen wir die richtigen Fragen stellen dürfen.

KNA: Durch den Terror in Paris und die Übergriffe in Köln wurde die Radikalisierung, die Sie beschreiben, greifbarer. Ist das Thema jetzt ausreichend präsent?

Tekkal: Dieses Thema kann nicht präsent genug sein. Bei Jugendlichen in Deutschland, gerade denen mit Migrationshintergrund, herrscht weiterhin ein großes Vakuum. Sie lernen in der Schule, dass sie kritik- und demokratiefähig werden müssen - und bei ihnen zu Hause geht es genau darum nicht. Die etablierten Institutionen müssen sich fragen, warum beispielsweise Salafisten so viel erfolgreicher sind als sie es jemals waren. Wir haben uns darum nicht genug gekümmert - und "kümmern" heißt auch, konsequent zu sein. Es geht darum, Menschen ernst zu nehmen - mit ihren Rechten und auch Pflichten.

KNA: Was könnten die Etablierten denn konkret machen, um, wie Sie schreiben, den "Mythos IS" zu entzaubern?

Tekkal: Die Medien machen es nicht besser, indem sie immer wieder betonen, wie gefährlich der IS ist. An der Front gibt es einen massiven Drogen- und Alkoholmissbrauch, unislamische Akte. Diese Dinge müsste man zeigen, um Jugendliche hier davon abzuhalten. Aber leider passiert oft das Gegenteil. Martialische Propagandavideos können Jugendliche, die aus unserer Gesellschaft ausgestiegen sind, in dem Eindruck bestärken, der IS sei eine Alternative.

KNA: Sie fordern auch eine neue Wertedebatte.

Tekkal: Ja, beispielsweise im Schulunterricht. Viele Lehrer beschreiben derzeit eine Überforderung. Es braucht aber einen Rahmen, in dem junge Menschen über Radikalisierung und die Lage in Krisenregionen sprechen können. Und es gilt, ein allgemeines Geschichtsbewusstsein wieder herzustellen.

KNA: Was meinen Sie damit?

Tekkal: Über viele Dinge, die wir jetzt erleben, sagen Holocaust-Überlebende: Das kennen wir - und das stimmt uns sorgenvoll. Es wäre wichtig, Migranten dafür zu sensibilisieren. Da wird uns Zugewanderten, also den neuen Deutschen, eine wichtige Rolle zuteil. Wenn ich das Deutsche angenommen habe, dann habe ich die Verpflichtung, gegen das Vergessen anzugehen und zu erklären, was es heißt, wenn Menschen aufgrund einer anderen Religion entmenschlicht werden.

KNA: Wie die Jesiden im Nordirak.

Tekkal: Richtig, wir Jesiden zahlen einen hohen Preis. Durch den Terror wurde die Welt erst auf uns aufmerksam und unsere Geschichte erzählbar. Aber das müssen wir uns doch in Europa ersparen. Die Lehre aus der Geschichte kann nur lauten: Wenn ein Mensch auf seine Religion reduziert wird, ist das die Vorstufe zum Völkermord.

KNA: Macht man es sich mit dem Bild des "typischen" Islamisten - jung, männlich, perspektivlos - zu leicht?

Tekkal: Leider ja. Natürlich gibt es die Kämpfer, die Lust am Morden haben und wie im Rausch auf Menschen schießen, als würden sie ein Computerspiel spielen. Der IS erscheint vielen als Alternative: Wer nichts wird, geht zum IS. Sie sind ideologisch geprägt, und unter ihnen sind auch gebildete Menschen. Bildung schützt also nicht vor Extremismus. Da sind wir wieder bei der Wertedebatte und der Frage, ob Menschen hier angekommen sind - auch diejenigen, die seit drei Generationen hier leben. Diese Parallelstrukturen muss man offenlegen.

KNA: Welche Rolle spielt die Religion in diesem Zusammenhang?

Tekkal: Es sollte klar benannt werden, wenn Religion benutzt wird. Am meisten wünsche ich mir das von den Menschen, deren Religion betroffen ist - im Fall des IS also von den Muslimen. Aus meiner Sicht haben die vier Millionen Muslime in Deutschland eine Verantwortung, obwohl viele von ihnen sagen: Damit habe ich nichts zu tun. Doch, man hat etwas damit zu tun, wenn die eigene Religion von Mörderbanden dermaßen in Misskredit gebracht wird. Das gilt selbstverständlich für alle Religionen, die patriarchalische Strukturen vorleben und vermeintliche Traditionen hochhalten. Man könnte aktuelle Geschehnisse zum Anlass nehmen, die eigene Religion einmal kritisch einzuordnen. Dazu gehören allerdings Mut und Kraft.´

Das Interview führte Paula Konersmann.

(KNA)

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