Muslime in Deutschland
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Zekeriya Altug, derzeitiger Sprecher des Koordinationsrates der Muslime in Deutschland
Zekeriya Altug, derzeitiger Sprecher des Koordinationsrates der Muslime in Deutschland

02.02.2016

Koordinationsrat der Muslime erfüllt bislang kaum seine Funktion Dringender Reformbedarf

Er soll den rund vier Millionen Muslimen in Deutschland eine Stimme geben. Doch derzeit ist der Koordinationsrat der Muslime weitgehend lahmgelegt. Das soll sich nach den Vorstellungen seines derzeitigen Sprechers bald ändern.

Wer sich auf der Internetseite des Koordinationsrats der Muslime (KRM) etwa über die muslimische Sicht auf die Flüchtlingskrise, die Attentate von Paris oder die Gewalttaten von Köln informieren will, findet nichts.

Koordinationsrat fehlt öffentliche Wahrnehmung

Ganze fünf Pressemitteilungen und ein gemeinsames Statement hat die Dachorganisation der vier großen islamischen Verbände - Zentralrat der Muslime (ZMD), Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), Islamrat (IR) und Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) - 2015 veröffentlicht.

Konkurrenzdenken der einzelnen Verbände

"Der KRM kommt in der öffentlichen Debatte gar nicht vor", kritisiert der Kölner Publizist und Buchautor Eren Güvercin. Während viele Moscheegemeinden sich intensiv um Flüchtlinge kümmerten, kochten die Funktionäre der großen muslimischen Verbände in Deutschland ihr eigenes Süppchen, pflegten ihr Konkurrenzdenken und ließen den KRM verkümmern.

Dabei war der KRM, 2007 im Zusammenhang mit der Deutschen Islamkonferenz gegründet, mit großen Hoffnungen gestartet. Der damalige Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble (CDU) erhoffte sich von ihm einen Ansprech- und Verhandlungspartner des Staates, um Fragen wie etwa den islamischen Religionsunterricht entscheiden zu können. Stattdessen profilierten sich vielmehr die einzelnen muslimischen Verbände.

Nach außen drangen eher Rivalitäten und Konkurrenzkämpfe: Als der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, im Januar 2015 gemeinsam mit Bundespräsident und Kanzlerin vor dem Brandenburger Tor für Religions- und Meinungsfreiheit demonstrierte, hagelte es Proteste der Konkurrenten. Mazyek wehrte sich gegen den Vorwurf, er wolle sich zum alleinigen Vertreter der deutschen Muslime aufschwingen. Die übrigen Verbände müssten sich stärker einbringen, drehte er den Spieß um.

Hoffen auf stärkere Zusammenarbeit

Der derzeitige KRM-Sprecher Zekeriya Altug räumt ein, dass es dem KRM nicht gelungen sei, den Muslimen ein Forum für innermuslimische Debatten zu bieten und eine Stimme nach außen zu sein. Altug, der der Ditib angehört, sieht dringenden Reformbedarf: "Es wird sich in der nächsten Zeit zeigen, ob der KRM gestärkt werden und neue Strukturen entwickeln kann", sagte er am Dienstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Köln. Ansonsten würden andere Plattformen und Gremien mehr Bedeutung gewinnen. So hätten etwa die Verhandlungen über einen muslimischen Wohlfahrtsverband nicht im Rahmen des KRM stattgefunden.

Nur 10 Prozent der Muslime fühlen sich vom Koordinationsrat vertreten

"Wir haben keine ausreichenden Entscheidungsstrukturen, wir haben kein eigenes Personal, und wir repräsentieren nicht mehr die größere Vielfalt der muslimischen Gemeinschaften", räumt Altug mit Blick auf 3.000 Moscheegemeinden in der Bundesrepublik ein. "Nur etwa zehn Prozent der Muslime fühlen sich vom KRM überhaupt vertreten." Schon, dass das Sprecheramt alle sechs Monate wechsele, sei für die Wirkung des KRM kontraproduktiv.

Laut Altug hat die Ditib bereits 2014 Reformkonzepte vorgelegt. Der Prozess sei jedoch durch die Ereignisse der vergangenen Monate - die Flüchtlingskrise, die Ereignisse von Paris und von Köln - überrollt worden und zum Stillstand gekommen.

Hoher Harmoniebedarf

Der KRM-Sprecher zeigte sich überzeugt, dass die Verbände an einer Stärkung des KRM interessiert seien. Der Koordinationsrat müsse sich aber noch breiter aufstellen und mehr Verbände integrieren. Laut Altug gibt es inzwischen mehr als zehn bundesweit vertretene Gruppen, in denen sich Moscheegemeinden zusammengeschlossen haben. Außerdem sollten die einzelnen Muslime über Landesverbände beteiligt und muslimische Repräsentanten des öffentlichen Lebens stärker eingebunden werden.

Altug setzt auch darauf, dass der KRM die innermuslimischen Debatten stärker anregen und gestalten kann - gerade bei heiklen Themen. Derzeit gebe es unter den Muslimen einen hohen Harmoniebedarf. Inhaltliche Debatten würden sofort als Störfeuer gedeutet. Allerdings werde der KRM nach islamischem Verständnis nicht den Status einer Religionsgemeinschaft übernehmen können, weil er sehr unterschiedliche Glaubensrichtungen umfasse, so Altug. "Der KRM kann nur ein Verbund von Religionsgemeinschaften sein", sagte er.

Christoph Arens
(KNA)

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