Lale Akgün
Lale Akgün
Kopftuchverbot gekippt
Muslimische Frauen

07.01.2016

Politikerin Akgün zum fundamentalistisch-islamischen Frauenbild "Nicht vor der Steinzeit-Ideologie kapitulieren"

Die türkischstämmige SPD-Politikerin Dr. Lale Akgün sieht den fundamentalistischen Islam als große Herausforderung für die Rechte der Frau - erst recht nach den Angriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht. Ein domradio.de-Interview.

domradio.de: Wie sehen Sie das derzeitige islamische Frauenbild?

Lale Akgün: Wir müssen sagen, dass der neue politische Islam, der sich ja nun wirklich ausbreitet, auch mit einem sehr konservativen, überholten Frauenbild daherkommt. Nämlich einem Frauenbild, das wortwörtlich aus dem Koran abgeleitet wird und die Frau als schützenswertes, aber zweitrangiges Wesen sieht, was vor sich selbst und den Männern geschützt werden muss. Wenn dann Männer mit so einem Frauenbild in unsere modernen Gesellschaften kommen oder hier mit einem solchen Frauenbild sozialisiert werden - denn das geschieht auch hier in bestimmte Moscheevereinen - dann müssen ihnen großzügig lebende, freizügig lebende Frauen als Huren vorkommen. Das heißt, in ihrem Kopf findet eine Spaltung statt zwischen den guten Frauen – das sind meist die weiblichen Familienmitglieder, die eigene Mutter, Schwester, Ehefrau, die "moralischen" Frauen. Auf der anderen Seite stehen die "unmoralischen" westlichen Frauen, die sich bestimmte Freiheiten rausnehmen.

domradio.de: Welche Rolle spielt da die Religion?

Lale Akgün: Die Religion wird zum Machtinstrument, mit dem diese Gewalt über Frauen legitimiert wird. Die Männer, die den Islam als Begründung für ihr Verhalten heranziehen, sagen "Wir beziehen uns auf den Koran, wir legen den Koran wörtlich aus". Und sie zitieren immer irgendwelche Sprüche, die besagen, "Ja, ihr müsst die Frauen zu Hause einsperren!". Solche Aussagen werden heute auch im Netz verbreitet und damit legitimiert man Gewalt gegen Frauen und unterdrückt sie einfach.

domradio.de: Aber das heißt, dass Männer mit diesem Frauenbild im Kopf sich auch dann moralisch im Recht fühlen, wenn sie Gewalt gegen Frauen anwenden?

Lale Akgün: Das Problem ist, dass ihnen eingebläut wird, dass ihre Moralvorstellungen die einzige richtigen sind. Religionen haben ja auch immer den Anspruch, die Wahrheit zu vertreten – und in diesem Fall behaupten die Männer, die Wahrheit über die moralische Frau zu vertreten. Sie sagen: "Unsere Lebensweise, unser Umgang mit Frauen ist viel moralischer, viel besser für die Frauen." Im Westen dagegen, in der aufgeklärten Gesellschaft, werden die Frauen nach dieser Auffassung "missbraucht", weil sie wie die Männer arbeiten und für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen. Alles, was gegen ein modernes Frauenbild spricht, wird erhöht. Und zwar auch von den Frauen selbst, wenn die zum Beispiel sagen: "Die muslimischen Männer sind sehr viel ehrlicher, sie nehmen sich eine Zweitfrau, während die westlichen Männer sich heimlich eine Freundin halten. Das ist doch viel schlimmer!" Das heißt, diese Frauen legitimieren die Vielehe. Sie müssen wohl die Dinge, die sie selbst ertragen müssen, sich irgendwie schön reden, um sie aushalten zu können.

Wenn eine Frau eingesperrt ist, ein Kopftuch tragen muss, eine Burka tragen muss, dann muss sie sich im Kopf irgendwelche Konstruktionen machen, damit sie auch vor sich selbst sagen kann: "Mir geht es besser als meinen liederlichen westlichen Schwestern, die ohne Kopftuch rumlaufen müssen, die morgens um acht bei der Arbeit sein müssen. Ich habe ein besseres Leben, ich habe ein moralischeres Leben." Und, das ist ja immer noch etwas, das dazu gesagt wird: "Wenn du dich auf dieser Welt moralisch verhältst, wenn du dich auf dieser Welt so verhältst, wie es dir Koran und Sunna vorschreiben, sprich die Männer, dann hast du dir einen Platz im Paradies verdient, ansonsten kommst du in die Hölle." Es gibt ganz viele Sprüche, die besagen: Frauen, die Männern widersprechen, kommen in die Hölle."

domradio.de: Was muss denn aus diesen Erkenntnissen folgen. Oder anders gefragt: Wie kriegen wir Männer, die mit einem solchen Frauenbild zu uns kommen, dazu, dass sie gefälligst die Rechte jeder Frau respektieren?

Lale Akgün: Ich finde es wichtig, dass man nicht im Kleinen anfängt, Dinge gut zu heißen, die Frauen unterdrücken. Das Kopftuchurteil vom Frühjahr letzten Jahres des Bundesverfassungsgerichtes, dass Lehrerinnen mit Kopftuch unterrichten dürfen, war in meinen Augen nicht die richtige Entscheidung. Bei allem Respekt vor Entscheidungen der Gerichte – das war für mich eine Entscheidung gegen die Frauen. Es fängt im Kleinen an. Wieso soll eigentlich das Kopftuchtragen eine Freiheit für die Frauen bedeuten? Es ist doch ein Zeichen der Unterdrückung, ein Zeichen des Sich-Verhüllens. Aber da müssen wir immer Toleranz gelten lassen. Das heißt, wir dulden ganz vieles im Kleinen. Und ich glaube, wir dulden es auch so lange, bis es unsere Lebensweise mit berührt oder bis wir selbst Opfer werden – so wie jetzt im Fall von Köln. Solange denken wir immer, wir dürfen uns nicht einmischen, weil wir es mit einer anderen Kultur zu tun haben und wir das einfach so respektieren müssen. Es hat auch viel mit deutscher Geschichte zu tun. Dass man Angst hat, mal auszusprechen: "Nein, das finde ich nicht gut an deiner Kultur, weil es nicht meinem Weltbild entspricht." Das heißt, wir müssen im Kleinen die Dinge aussprechen, die wir nicht gut finden. Ansonsten braut sich was zusammen und dann platzt das auch.

Der zweite Punkt ist, man muss den Leuten ganz klar sagen, was los ist. Ich plädiere inzwischen für Ethikunterricht an der Schule, man muss den jungen Menschen klar machen: In unserer Gesellschaft ist das und das richtig. Und ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass die säkulare Gesellschaft die ethischere ist. Weil sie jedem die Chance gibt, sich zu verwirklichen, ein eigenes Leben zu führen. Was ist das denn für eine ethische Gesellschaft, die Regeln aufstellt  – diese fundamentalistische islamische Gesellschaft -  und da sollen die moralischen Regeln, also nur ihre eigenen Regeln, Gültigkeit haben und alle anderen sind Unmenschen, Huren, etc. Und das ist keine ethische Gesellschaft, das ist eine bigotte Gesellschaft. Das heißt, wir dürfen uns nicht klein machen und wir müssen ganz klar sagen "Nein Leute, es stimmt nicht, wir haben die ethischere Gesellschaft. Das, was ihr macht, ist eine überholte Steinzeit-Gesellschaft, die Frauen keine  Rechte gibt. Das muss man auch mal aussprechen, ohne irgendwelchen rassistischen Beiklang. Das hat mit Rassismus nichts zu tun. Ich kenne auch genug deutsche Konvertiten, die genau solche Positionen vertreten. Das hat also nichts mit der Herkunft, sondern mit der Ideologie zu tun.

domradio.de: Ziehen Sie persönlich jetzt irgendwelche Konsequenzen aus den Vorfällen der Silvesternacht, werden Sie sich also zum Beispiel vorsichtiger in Köln bewegen?

Lale Akgün: Nein! Das hieße ja vor diesen Dummköpfen, diesen Steinzeit-Menschen, zu kapitulieren. Wenn die anfangen, mir Angst zu machen, dann habe sie genau ihr Ziel erreicht. Ich würde mich so verhalten, wie es ihrem Frauenbild entspricht: Ich gehe nicht mehr alleine nach draußen, ich bin zu Hause bevor es dunkel wird. Ich muss eine männliche Begleitung auf der Straße haben. Das ist doch deren Weltbild. Und diesem Weltbild möchte ich nicht entsprechen. Das heißt, ich werde mich weiter genau so frei bewegen, ich werde auch wieder abends um 24 Uhr am Hauptbahnhof ankommen oder am Flughafen oder eben alleine nach Hause laufen. Das alles werde ich machen, weil ich ganz klar sage: Wir müssen das, was wir uns über Jahre erarbeitet haben, auch erhalten. Wissen Sie, ich kämpfe seit über 50 Jahren für die feministische Sache. Jetzt werde ich mir nicht von ein paar Rotzlöffeln mein Weltbild kaputt machen lassen.

Das Gespräch führte Hilde Regeniter

(dr)

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