13.12.2012

Muslime und Christen gegen Extremismus

"Missbrauch von Religion für politische Zwecke"

Nach dem Fund der Bombe im Bonner Hauptbahnhof sucht die Polizei weiter nach einem Unbekannten aus dem islamistischen Umfeld. Thomas Lemmen, Experte für christlich-islamistischen Dialog im Erzbistum Köln, im domradio Interview.

domradio.de: Warum gibt es gerade in Bonn eine große extremistische Szene?

Lemmen: Das hat zweifellos damit zu tun, dass es in Bonn eine bundesweit einmalige Institution gibt, nämlich die König-Fahd-Akademie. Das ist eine private, saudische Schule, die ursprünglich dazu diente, die Kinder von Diplomaten zu beschulen. Diese Schule hat mit dem saudischen Lehrplan gleichsam wie ein Magnet auf all diejenigen gewirkt, aus dem ganzen Bundesgebiet, die dort hingekommen sind, um ihre Kinder dort an dieser Schule ausbilden, erziehen zu lassen. Das hat dazu geführt, dass darunter auch eine ganze Reihe von Personen sind, die man heute diesem Bereich des Salafismus zuordnen würde.

domradio.de: Wie groß ist denn diese Szene in Bonn?

Lemmen: Das kann man schwer sagen, weil die Ausschreitungen im Mai dieses Jahres gezeigt haben, dass viel mehr Menschen aus anderen Städten anreisen. Es sind also nicht unbedingt Muslime, die in Bonn leben - von denen sich die meisten auch von der Akademie distanzieren - sondern es sind Personen von außerhalb gekommen, die an diesen Ausschreitungen beteiligt gewesen sind.

domradio.de: Wie funktioniert ansonsten das Zusammenleben zwischen Christen und Muslime in Bonn? Sicherlich sehen sich auch einige Muslime in Misskredit gebracht durch die Berichte in den Medien.

Lemmen: Karl Sonnenschein hat mal gesagt: "Wir sehen immer nur die Katastrophe, aber nicht deren Verhinderung." Deren Verhinderung, dazu kann der Interreligiöse Dialog beitragen. Gottseidank gibt es in Bonn eine ganze Reihe von Aktivitäten, beispielsweise den Arbeitskreis Christen und Muslime im Bonner Norden, aber auch einen Arbeitskreis in Bad Godesberg. Dort sitzen beide Glaubensgemeinschaften an einem Tisch, und dort versuchen auch beide, Muslime wie Christen, auf diese Situation einzuwirken. Im Umfeld der Ausschreitungen im Mai haben sie zum Beispiel zu einer Gegenkundgebung aufgerufen. Damit haben sie auch gezeigt: Wir stellen uns dagegen. Oder aber die Schule am Domhof, eine katholische Grundschule, in der Muslime und Christen lernen, auf der Grundlage ihrer Identität zusammenzuleben - ihre Identität zu pflegen, aber auch das Zusammenleben zu erlernen. Das sind wichtige Beiträge.

domradio.de: Welche Stimmen hören Sie denn von Muslimen, wenn Sie sie auf diesen Extremismus ansprechen?

Lemmen: Diejenigen, die auch in diesen Gruppen wie den Arbeitskreisen mitwirken, distanzieren sich ganz klar. Sie sagen, das hat nichts mit Islam, mit unserem Verständnis von Religion, zu tun, sondern ist ein Missbrauch von Religion für politische Zwecke, eine Instrumentalisierung. Aber sie sagen auch, dass sich daran natürlich Defizite zeige, Defizite der Gesellschaft, dass man zuwenig im Bereich der Bildung für Muslime getan hat. Dass diese König-Fahd-Akademie deshalb so attraktiv wurde, weil es keine anderen Angebote gab. Da ist es ganz wichtig, und das fordern auch die Muslime in Bonn, vernünftige Alternativen zum Extremismus zu schaffen.

domradio.de: Wer ist da am ehesten gefragt, diese Alternativen zu schaffen?

Lemmen: Gefragt ist da an erster Stelle natürlich die Politik, auch die Verwaltung der Stadt Bonn. Sie könnte besipielsweise das, was andere in diesem Bereich tun, nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern das Engagement dieser freien Kreise, auch der katholischen Kirche, der muslimischen Träger, unterstützen, die Schule am Domhof besipielsweise in ihrem Profil unterstützen. Das wäre ein wichtiger Beitrag, den die Politik und die Verwaltung an der Stelle zu leisten hätte.

(Das Gespräch führte Christian Schlegel)