Ingo Brüggenjürgen
Ingo Brüggenjürgen

29.01.2016

Ein Erlebnisprotokoll des domradio.de-Chefredakteurs Jetzt bin ich ein "Gutmensch"!

domradio.de-Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen ist sehr oft mit der Bahn unterwegs. Nach all den Jahren kennt und schätzt man sich unter Pendlern. Mitunter erfährt man dabei aber auch überraschende Ansichten seines Sitznachbarn. Vor allem, wenn es um Flüchtlinge geht ...

Gestern in der Regionalbahn: Einer meiner Mitpendler hatte mir im überfüllten Abteil noch einen Platz freigehalten. Als sich der Zug in Bewegung setzte, ließ auch er Dampf ab. Die Merkel sei doch wohl völlig durch den Wind und von allen guten Geistern verlassen. Überhaupt sei es sehr bedauerlich, dass man hier in NRW nicht die CSU wählen könne. Es müsse jetzt endlich für die Flüchtlinge die Obergrenze her – sofort! Auf meine Frage, ob sich sein Leben denn schon irgendwie durch die Flüchtlinge verändert habe, stutzte er. Nein, bei ihm persönlich nicht, aber so könne das ja wohl auf gar keinen Fall weitergehen.

Ich vermute, so wie mein Mitpendler – eigentlich "gut katholisch", seit Jahren in der Gemeinde ehrenamtlich im Kirchenvorstand engagiert und im besten Sinne gut bürgerlich – denken inzwischen immer mehr Menschen in Deutschland. Immer die gleichen Bilder in den Medien, immer die gleichen Diskussionen – und dann ist da noch dieses ungute Gefühl, dass irgendetwas außer Kontrolle geraten könnte.

Aber viele von uns werden auch zugeben müssen, dass sich bis jetzt ihr Leben und ihr Lebensstandard überhaupt nicht verändert haben. Jedenfalls nicht durch die notleidenden Menschen, die bei uns Schutz suchen. Vielleicht ist in der Stadt eine Sporthalle zur Notunterkunft geworden, aber sonst? Vor der Tür stehen oft immer noch mindestens zwei Autos, in unseren Häusern und Wohnungen stehen oft viele gut geheizte und eingerichtete Zimmer den ganzen lieben langen Tag lang leer, und am Abend wartet ein gekühltes Bier oder eine gute Flasche Wein vor dem neuen TV-Gerät, das uns das Elend der Flüchtlinge in bester HD-Qualität aufzeigt. Wenn wir nicht zuhause sind, sind wir bei Freunden eingeladen oder treffen uns beim Italiener …

Aber das mit den Flüchtlingen ist nicht zu schaffen, wir können ja nicht die ganze Welt bei uns aufnehmen? "60 Millionen Flüchtlinge weltweit – Ingo, wie soll das denn gehen?" Eigentlich ist mein Mitpendler gelernter Banker, der auch ohne den Taschenrechner wüsste, dass es, nur mal eine Million Aufnahmen im letzten Jahr hochgerechnet, 60 Jahre dauern würde, bis alle da wären. Ich glaube nicht, dass die ganze Welt zu uns kommen möchte, aber ich bin ja auch nur Theologe. Mein Banker weiß aber, dass Merkel alle eingeladen hat, und dass sie als Kanzlerin dieses Chaos, was sie angerichtet hat, politisch nicht überleben wird. Banker und ihre Prognosen. Seine Mutter sei damals nach dem Krieg auch ein Flüchtlingskind gewesen, aber deutschsprachig und mit der gleichen Kultur und Religion. Aber arabischsprechende Muslime aufnehmen!? In der Großbank meines Mitpendlers werden Finanzgeschäfte mit der ganzen Welt getätigt, in unserem örtlichen Krankenhaus operieren arabische Oberärzte und "unser" Türke hat die besten Oliven. Aber jetzt braucht es sofort eine Obergrenze? Zugegeben, es war provokant von mir, ihn darauf hinzuweisen, dass wir doch mit unseren deutschen Waffenverkäufen überall auf der Welt gute Geschäfte machen würden und uns jetzt doch eigentlich nicht zu wundern brauchen, wenn Ausgebombte bei uns Schutz und Hilfe suchen. Das Fass zum Überlaufen brachte dann aber meine spitze Bemerkung, die Steuereinnahmen aus den Waffenverkäufen könnten wir doch gut für die Menschen in unseren Notunterkünften anlegen. Es sei doch immer noch gut christlich, Fremden ein Obdach zu geben, ganz gleich welcher Hautfarbe und Religion. "Ingo, jetzt weiß ich endlich, was Gutmenschen sind – Du bist einer von denen!" Auf den verbalen Konter "Ja, ein echter Gutmensch, der bei der Lügenpresse arbeitet!" habe ich dann doch verzichtet. Ich möchte doch, dass mir mein Bahnpendler auch zukünftig einen Platz freihält, denn um ihm seine Ängste zu nehmen und zu überzeugen, braucht es vermutlich noch einige lange Bahnfahrten.

(dr)

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