Franz Mußner, deutscher Theologe.
Franz Mußner, deutscher Theologe.

04.03.2016

Zum Tod des Bibelwissenschaftlers Franz Mußner "Das Wesen des Christentums ist miteinander essen"

Zum 100. Geburtstag erhielt Franz Mußner Ende Januar viel Post: vom Bundespräsidenten, Ministerpräsidenten, dem emeritierten Papst. Nun ist einer der wichtigsten deutschen Theologen des 20. Jahrhunderts gestorben.

"Lieber Franz", schrieb Benedikt XVI. dem elf Jahre älteren Freund und Jubilar vor wenigen Wochen zum 100. Geburtstag. "Nun stehen wir beide am Tor der Ewigkeit, und ich wünsche Dir von Herzen, dass der Herr Dir gütig die Tür auftut in sein Reich hinein, in dem Du dann alles sehen und verstehen wirst, wonach Du ein Leben lang gefragt hast." Am Donnerstag ging das irdische Leben des Briefempfängers zu Ende.

Franz Mußner war einer der bedeutendsten katholischen Theologen, die Deutschland im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Seine Forschungen zum Antijudaismus im Neuen Testament waren bahnbrechend für den christlich-jüdischen Dialog. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe das Christentum nach Jahrhunderten der Aversion sich erst wieder "sehr mühsam und gegen viele Widerstände" auf eine schlichte Wahrheit besinnen müssen, nämlich dass Jesus ein Jude gewesen sei, sagte er einmal.

Einer der bedeutendsten katholischen Theologen

Der Wissenschaftler gab der hartnäckigen Verdrängung dieser Wahrheit eine Mitschuld an der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Der christliche Antisemitismus sei zwar nicht rassistisch motiviert gewesen, "wohl aber theologisch und oft verbunden mit gemeinen Verleumdungen wie Ritualmord oder Hostienfrevel", stellte er 1995 mit bewegter Stimme fest. Es war eine gezielte Bemerkung bei einem Studientag der Katholischen Akademie in Bayern zu einem sensiblen Datum - dem 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Verbindung zu Joseph Ratzinger

1944 als "wehrunwürdig" aus dem Kriegsdienst entlassen, setzte der Oberbayer seine theologischen Studien fort und wurde schon 1945 zum Priester geweiht. Aus dieser Zeit resultierte bereits die Verbindung zu Joseph Ratzinger, dessen Professorenkollege er später an der Regensburger Universität wurde. Seither riss das Band zwischen beiden nicht mehr ab. Noch in hohem Alter nahm Mußner an Treffen des Ratzinger-Schülerkreises teil, "wo Du uns immer wieder mit dem Reichtum Deiner Erkenntnis und mit der Unruhe Deines Fragens weitergeführt hast", so der emeritierte Papst.

Welterfolg "Traktat über die Juden"

Mußners erstmals 1979 erschienenes Werk "Traktat über die Juden" wurde ein Welterfolg und in sechs Sprachen übersetzt. 1985 erhielt er dafür die "Buber-Rosenzweig-Medaille". Zu Beginn seiner Laufbahn als Hochschullehrer war ihm nach eigenen Worten Mitte der 1950er Jahre in Trier allmählich aufgegangen, was das Judentum überhaupt ist und was ihm die Kirche verdankt: "Israel trägt die christlichen Kirchen und nicht umgekehrt."

Haltung zum Judentum

Erst rund zehn Jahre später machte sich die katholische Kirche im Konzilsdokument "Nostra aetate" diese Haltung zum Judentum offiziell zu eigen. Auch für den ökumenischen Dialog der Kirchen untereinander erwiesen sich Mußners Erkenntnisse als äußerst wertvoll.

Zu seinem runden Geburtstag erhielt Mußner, gesundheitlich schon stark angeschlagen, im Caritas-Seniorenheim auf dem Passauer Mariahilf-Berg noch einmal viel Besuch. Bischof Paul Bemile reiste eigens aus Ghana an, um seinem Doktorvater zu gratulieren. Dieser sei für ihn eine Vaterfigur, gestand er dem "Passauer Bistumsblatt".

Therese Halmbacher hatte als junges Mädchen an Mußners Primiz in dessen Geburtsort Feichten an der Alz teilgenommen. Sie erinnerte sich, wie der Festzug mit dem frisch geweihten Priester von alliierten Tieffliegern unter Feuer genommen worden war.

Durch Glauben und Denken Deutschland wieder aufgebaut

Der Passauer Dompropst Michael Bär sagte, Leute wie Mußner hätten "durch ihren Glauben, ihr Denken und ihre wissenschaftliche Leistung geholfen, Deutschland nach dem Weltkrieg wieder aufzubauen". Und dass sich für ihn ein Satz aus Mußners Kommentaren zu den neutestamentlichen Schriften nachhaltig eingeprägt habe: "Das Wesen des Christentums ist miteinander essen."

Benedikt XVI. schrieb in seinem Glückwunsch, er hoffe, "dass wir bald wieder beieinander sein werden".

Christoph Renzikowski
(KNA)

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