Petersdom im Vatikan
Bricht das Eis zwischen dem Vatikan und Moskau?
Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau
Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau, zentrales Gotteshaus der Russisch-Orthodoxen Kirche

11.02.2016

Die Beziehungen zwischen Moskau und Rom waren immer schwierig Tausend Jahre Zweisamkeit

Die Ankündigung der ersten Begegnung eines Papstes und eines Moskauer Patriarchen überhaupt ist historisch betrachtet eine Sensation - Meilenstein einer über 1.000 Jahre schwierigen Beziehung.

Havanna erscheint in diesen Monaten als ein Schicksalsort der vatikanischen Diplomatie. Erst das Brechen des Eises zwischen den USA und Kuba - und jetzt am Freitag das historische erste Treffen zwischen einem Papst und einem Moskauer Patriarchen. Havanna - ein "neutraler Ort" abseits einer europäischen Geschichte von Trennungen und Konflikten, die nun schon über 1.000 Jahre andauert. Durch seine Taufe reihte sich der Fürst der Kiewer Rus, Wladimir, im Jahr 988 in die Familie der christlichen Könige des Mittelalters ein.

Bruch zwischen Ost- und Westkirche 1054

Der Bruch zwischen Ost- und Westkirche 1054 wirkt sich nicht sofort in Kiew bzw. Moskau aus. Ende des 11. Jahrhunderts erstarkt die griechische Kirche in der Rus. Nach der Distanzierung zwischen der russischen orthodoxen Kirche und Byzanz bevorzugt man in Russland die Selbstbezeichnung "Orthodoxe" (Rechtgläubige) statt "Griechen".

Mit der Wahl eines "Metropoliten von Kiew und ganz Russland" 1448 sind Moskau und die byzantinische Mutterkirche faktisch getrennt. Das Moskauer Patriarchat (ab 1589) wehrt künftig jede Missionierung durch andere Religionsgemeinschaften ab. Im russisch-polnischen Krieg (1558-1583) vermittelt der Papst. Im 17. Jahrhundert streckt das katholische Polen zweimal vergeblich die Hand nach der Zarenkrone aus.

Zar Peter I. ändert staatliche Kirchenpolitik

Erst Zar Peter I. (1689-1725) ändert die staatliche Kirchenpolitik. Er will westliche Fachleute nach Russland holen, ohne Rücksicht auf ihre Religion. Durch die politischen Zeitläufe wächst die katholische Bevölkerung im Russischen Reich ständig. Als sich Moskau die Ukraine einverleibt oder als 1815 Restpolen an Russland fällt, kommen Millionen Katholiken unter russische Herrschaft.

Unter Zar Alexander I. (1801-1825) wendet sich das Blatt. In den 1840er Jahren erscheinen rund 40 antikatholische Anordnungen. Ein vorübergehendes relatives Einvernehmen Moskaus mit Rom zerbricht über den neuerlichen polnisch-russischen Konflikt. Zar Alexander II. (1855-1881) strebt danach eine "Germanisierung" des katholischen Klerus an, um die Polen zu verdrängen.

Nach Oktoberrevolution werden Religionsgemeinschaften enteignet

Nach der Oktoberrevolution von 1917 beginnt eine bald offen religionsfeindliche Politik der Bolschewisten. Im Zuge von Bürgerkrieg und Hungersnöten werden die Religionsgemeinschaften enteignet. Die katholische Kirche wird faktisch liquidiert, Priester verfolgt und ermordet. Die Verurteilung des "gottesleugnerischen Kommunismus" durch Pius XI. 1937 führt zu einer neuen sowjetischen Hetzkampagne gegen Papst und katholische Kirche.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bringt die Eingliederung der baltischen Staaten und Ostpolens Millionen Katholiken des lateinischen und des byzantinischen Ritus unter Sowjet-Herrschaft; es folgt ein Jahrzehnt stalinistischer Verhaftungen, Terror und Hetzpropaganda. Im Kalten Krieg nehmen Papst Johannes XXIII. (1958-1963) und die Sowjetunion unter Nikita Chruschtschow einen Gesprächsfaden auf. Die entstehende "neue vatikanische Ostpolitik" wird von den einen als eine Konzession an den Feind abgelehnt, von den anderen als ein notwendiger Dialog verstanden. In der Kuba-Krise richtet der Papst einen Friedensappell an die USA und die Sowjets.

Sein Nachfolger Paul VI. (1963-1978) verhindert, dass das Zweite Vatikanische Konzil den Kommunismus verurteilt. Ein Teil der Moskauer Orthodoxie verurteilt den "Ökumenismus" des Konzils als Häresie. Man fürchtet, dass Rom sich als Sprachrohr und Zentrum aller Christen positioniert.

Diplomatische Beziehungen erst unter Johannes Paul II.

Mit Johannes Paul II. (1978-2005) wird ein Kirchenvertreter aus dem "Ostblock" Papst - ein Vertreter des polnischen Katholizismus, dem historischen Antipoden der russischen Orthodoxie. Johannes Paul II. trägt nach Meinung von Historikern entscheidend zum Fall der sozialistischen Regime bei. 1990 werden die seit Jahrzehnten unterbrochenen diplomatischen Beziehungen zwischen Moskau und dem Vatikan wieder aufgenommen. Neue Religionsgesetze sichern Glaubens- und Gewissensfreiheit zu.

Russisch-orthodoxe Kirche erstarkt unter Jelzin und Putin

In den folgenden zwei Jahrzehnten wiedererstarkt unter den Präsidenten Boris Jelzin (1991-1999) und Wladimir Putin (2000-2008) die russisch-orthodoxe Kirche deutlich. Eine zunehmende Übereinstimmung von Staat und orthodoxer Kirche auf der Basis "gemeinsamer russischer Werte" ist zu verzeichnen. In der Neufassung des russischen Religionsgesetzes 1997 erhält die Orthodoxie im Rückgriff auf die Zarenzeit eine Vorrangstellung. Die katholische Kirche wird nicht erwähnt, sondern unter den "nichttraditionellen" Religionsgemeinschaften subsumiert.

In der Ukraine, das die russische Orthodoxie als ihr kanonisches Territorium ansieht, gibt es Auseinandersetzungen zwischen Orthodoxen und den mit Rom Unierten um die Rückerstattung von historischem Kircheneigentum im Zuge von kommunistischer Verstaatlichung und Zwangsfusionen. Der Papst scheitert mehrfach mit Vorstößen zu einer historischen Begegnung mit dem Moskauer Patriarchen.

Moskauer Erzbistum seit 2002

2002 gründet Johannes Paul II. ein Moskauer Erzbistum sowie drei weitere katholische Diözesen für Russland. Das Moskauer Patriarchat reagiert scharf und beschuldigt Rom der Abwerbung von Gläubigen. Die staatlichen Behörden verweigern den Bischöfen eine neue Aufenthaltsgenehmigung und halten sie so von ihren Diözesen fern. Die Beziehungen trüben sich nachhaltig ein.

Unter Benedikt XVI. (2005-2013) und Franziskus verbessert sich das Klima zwischen Moskau und Rom wieder deutlich - unter den Vorzeichen einer gemeinsamen Wertevermittlung und einer Zusammenarbeit in drängenden Weltfragen, etwa der Christenverfolgung im Nahen Osten oder der ökologischen Krise. Auch der bewaffnete Konflikt zwischen Russland und der prowestlichen Ukraine seit 2014 steht der historischen Begegnung nicht mehr dauerhaft im Weg.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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