15.03.2012

Theologe Vogelsang über die Gottesfrage in Zeiten der schweren Lebenskrise Rätsel des Lebens

Wo war Gott, als 22 junge Kinder in einem Autobahntunnel starben? Diese Frage dürften sich viele nach dem jüngsten Unglück in der Schweiz stellen. Leiden gibt es in der Welt. Ob sie von Gott gewollt sind, diese Frage kann der Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland, Frank Vogelsang, im domradio.de-Interview nicht beantworten. "Es geht um ein Rätsel unseres Lebens, das wir mittragen und auch mitertragen müssen."

domradio.de: Was antworten Sie auf die Frage: Wo war Gott, als das passierte?
Vogelsang: Das ist sicherlich eine Frage, die sich all die Menschen stellen, die auch unmittelbar betroffen sind. Eine Frage, die man wahrscheinlich nicht einfach wird beantworten können. Wir werden die Frage aushalten müssen. Es wird darum gehen, immer wieder neu zu versuchen, Antworten zu finden. Ein Unglück ist ja so etwas ganz plötzlich Hereinbrechendes. Wir leben in Ordnungen und vertrauen diesen Ordnungen auch, glauben uns in den Ordnungen aufgehoben. Und dann ist mit einem Mal von heute auf morgen alles anders. Vieles ist zerstört, ganz Wichtiges ist uns verloren gegangen. Dann müssen wir uns neu orientieren, und da stellt sich natürlich auch die Frage, wie ist da unser Verhältnis zu Gott.

domradio.de: Glauben Sie, dass das Leiden von Gott gewollt ist?
Vogelsang: Ich glaube, das kann man nicht so beantworten. Nein. Das wäre eine viel zu einfache Formel. Leiden gibt es in dieser Welt. Wenn man die Bibel aufschlägt und verschiedenste Stellen liest, ob nun im Psalter oder im Neuen Testament, findet man immer wieder, dass die Menschen auch mit den Fragen ringen: Warum musste das geschehen? Warum musste zum Beispiel auch Jesus am Kreuz sterben? Warum müssen überhaupt solche Dinge sein? Auch die biblischen Autoren haben nicht wirklich Antworten. Es geht da nicht um die Lösung einer mathematischen Gleichung, sondern es geht um ein Rätsel unseres Lebens, das wir mittragen und auch mitertragen müssen.

domradio.de: Ein solches Unglück, wie jetzt zum Beispiel das in der Schweiz, ist für viele Betroffene eine große Herausforderung für ihren eigenen Glauben an Gott. Können Sie das nachvollziehen?
Vogelsang: Ja, ohne Zweifel. Ich glaube auch, dass ein Mensch, der einen lebendigen Gottesglauben hat, ganz unmittelbar auch davon betroffen ist. Wenn dann so etwas Schreckliches geschieht, vor allen Dingen so plötzlich und so unerwartet, dann reißt einen das eben heraus. Und woran soll man sich nun halten? Was ist das, was durchhält? Welcher Instanz glaubt man? Und da ist es absolut unumgänglich, dass dann die Menschen, die gottgläubig und auch fromm sind, dass sie sich an Gott wenden. Denn von wo sollte auch sonst Hilfe kommen?

domradio.de: Wie kann man denn die Spannungen zwischen Leiderfahrung und Gottesverständnis ein wenig lösen?
Vogelsang: Es gibt verschiedene Wege. Einer der wichtigsten Wege, denke ich, ist zunächst einmal die Klage. Etwas, was wir vielleicht in unserer Kultur auch nicht mehr so deutlich pflegen, vor allen nicht die öffentliche Klage. Man ist dann in der Trauer doch eher allein und zieht sich zurück. Die biblischen Texte zeigen aber deutlich, dass Menschen sehr spontan auch in Klage ausbrechen und dass diese Klage auch ihr Recht hat. Sie ist sicherlich dann für die anderen, die daneben stehen, auch eine Belastung, aber es ist eine notwendige Form, sich selbst Ausdruck zu geben, auch der eigenen Verlorenheit, die man in dem Moment empfindet, Ausdruck zu geben. Die Klagen, auch die Klagen im Psalter zum Beispiel, sind immer Klagen, die auch vor Gott geschehen, in Richtung auf Gott hin, also von ihm auch eine Antwort abringend.

domradio.de: Und wie kann man als Außenstehender Trost spenden in so einer Situation?
Vogelsang: Das Wichtigste ist das, was uns allen am ehesten einfallen würde: Nähe zeigen. Einfach schlicht eine Hand halten, auch eine Klage aushalten, sie nicht abwürgen, nicht versuchen, den Menschen auf andere Wege zu bringen und darüber hinwegzuspielen oder dergleichen. Sondern da muss der Mensch, der viel verloren hat, durch. Er muss diese Krise bewältigen und wenn Menschen da sind, die ihn da begleiten können, die es auch aushalten, dass da ein Mensch in der Krise ist, dann ist da viel gewonnen, dann wäre auch der Mensch ein wenig beschenkt.

domradio.de: Wie wird denn die Theodizee-Frage in gemeindlicher Arbeit behandelt?
Vogelsang: Ich glaube, dass dies nicht nur eine Frage ist, die wir nicht nur dann stellen sollten, wenn etwas unmittelbar geschehen ist. Denn die für uns wichtigsten Dinge im Leben ändern sich doch eigentlich nur, wenn man sie auch kontinuierlich übt, wenn man sie einübt, wenn man sich mit ihnen vertraut macht. So, denke ich, ist das auch mit dem Glauben an Gott. Man kann nicht gedankenverloren in der Welt leben, und dann mit einem Mal geschieht etwas und dann zieht man wie ein Kaninchen aus dem Hut den Gottesglauben, und dann wird es wieder besser. Sondern es ist so, dass wir uns ständig auseinandersetzen müssen und Leid ist in der Welt immer. Es gibt jetzt Anlässe wie das schreckliche Unglück in der Schweiz, aber Leid ist immer in der Welt und das wissen wir eigentlich auch. Eigentlich gäbe es jeden Tag die Gelegenheit zu fragen, wie kannst Du, Gott, das zulassen. Wie kann das geschehen und wie gehe ich damit um und welchen Weg können wir finden.

Das Interview führte Aurelia Plieschke (domradio.de)

Hintergund: Die Theodizee-Frage
"Warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus." Die Frage, die Georg Büchner in "Dantons Tod" so prägnant zuspitzte, beschäftigte schon immer die Theologen und alle an einen Gott Glaubenden. Wie kann Gott, vorausgesetzt er ist allmächtig und gütig, das Leid zulassen?

Der Begriff "Theodizee", unter dem diese Problematik seit Gottfried Wilhelm Leibniz behandelt wird, setzt sich aus den griechischen Wörtern für "Gott" und "Gerechtigkeit" zusammen. Es geht dabei um die "Rechtfertigung Gottes" beziehungsweise die Verteidigung des Glaubens an einen Schöpfergott angesichts der physischen Übel und des moralisch Bösen in der Welt.

Die klassische Antwort Leibniz", dass Gott aus der Fülle aller möglichen Welten die bestmögliche ausgewählt habe, wurde bereits von seinen Zeitgenossen zum Teil missverstanden, von anderen - allen voran Voltaire - verspottet. Immanuel Kant hielt dagegen, dass "unsere Vernunft zur Einsicht des Verhältnisses, in welchem eine Welt, so wie wir sie durch Erfahrung immer kennen mögen, zu der höchsten Weisheit stehe, schlechterdings unvermögend sei".

Auch wenn die Frage nach dem Warum demnach spekulativ nicht befriedigend zu beantworten ist, besteht sie als existenzielles Problem weiterhin. Der Katechismus der katholischen Kirche schreibt dazu: "Der Glaube gibt uns die Gewissheit, dass Gott das Böse nicht zuließe, wenn er nicht auf Wegen, die wir erst im ewigen Leben vollständig erkennen werden, sogar aus dem Bösen Gutes hervorgehen ließe."

Der Limburger Alt-Bischof Franz Kamphaus kritisiert eine "heute gängige Gottesvorstellung", die den "Träumereien von einer leidfreien Gesellschaft" entspreche. Seine Antwort lautet: "Seit Jesu Leben und seinem Sterben am Kreuz ist Gott nicht mehr aus dem Leiden herauszuhalten, er selbst ist ein Betroffener. Das Leid ist kein Zeichen seiner Abwesenheit, sondern seiner Anwesenheit."

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