Jürgen Flimm
Jürgen Flimm

17.07.2011

Jürgen Flimm wird 70 Jahre alt

Ein Theaterintendant wie wenige andere

Jürgen Flimm ist einer der umtriebigsten, fleißigsten und erfolgreichsten deutschen Theaterleiter. Er war Schauspielintendant in Köln und am Thalia Theater in Hamburg, er leitete die Ruhrtriennale und die Salzburger Festspiele. Und gerade geht sein erstes Jahr als Intendant der Staatsoper Berlin zu Ende.

Geboren wird Flimm am 17. Juli 1941 in Gießen, aufgewachsen in Köln, wo er Theater- und Literaturwissenschaft sowie Soziologie studierte. 1968 wurde er Regieassistent an den Münchner Kammerspielen und bereits 1979 in Köln zum ersten Mal Intendant. Das Thalia Theater in Hamburg, das er zwischen 1985 und 2000 leitete, machte Flimm zum bestbesuchten Schauspielhaus der Bundesrepublik. Als Regisseur wurde er besonders für seine lebendigen Klassiker-Inszenierungen wie Kleists "Käthchen von Heilbronn", Ibsens "Peer Gynt" und Tschechows "Platonow" gefeiert.

Schon früh interessierte Jürgen Flimm sich für Musik, auch für zeitgenössische. Als Student hatte er Kontakt zu Komponisten wie Bernd Alois Zimmermann und Johannes Fritsch. Luigi Nonos "Al gran sole carico d"amore" (Unter der großen Sonne, von Liebe beladen) war 1978 in Frankfurt die erste Oper, die er auf die Bühne brachte. Diese szenische Collage über Revolutionen des 19. und 20. Jahrhunderts, dieses "große Requiem auf verschollene Hoffnungen und das Scheitern von Utopien" (Flimm), ist ihm 30 Jahre später in Salzburg wieder begegnet.

International gefragt
Von den 80er Jahren an wurde Flimm ein auch international gefragter Opernregisseur. Sein häufigster Partner war der österreichische Dirigent Nikolaus Harnoncourt. Flimm inszenierte in New York, London, Mailand und Zürich, aber auch bei den Bayreuther Festspielen, wo er im Jahr 2000 Wagners "Ring des Nibelungen" in Szene setzte.

In den vergangenen Jahren hat sich der erfolgreiche Theaterintendant in einen nicht minder erfolgreichen, wenn auch nicht ganz unumstrittenen Festivaldirektor verwandelt - denn er tanzte gerne auf zwei Hochzeiten gleichzeitig. So arbeitete er von 2005 bis 2008 für die Ruhrtriennale, aber ab 2006 auch schon für die Salzburger Festspiele, die er bis 2010 leitete. Das letzte Salzburger Jahr war bereits das erste seiner Intendanz an der Berliner Staatsoper.

In Salzburg hat er den Reformkurs seiner Vorgänger Gerard Mortier und Peter Ruzicka fortgesetzt, und er hat den innovativen Programmgestalter Markus Hinterhäuser zum Musikchef berufen. 2009 verhalf er mit Nonos Oper "Al gran sole carico d"amore" Salzburg zu einem umjubelten, bis dahin dort kaum denkbaren Triumph des modernen Musiktheaters.

Dieser Triumph beschleunigte aber gleichzeitig seinen Abgang aus Salzburg: Dem Kuratorium der Festspiele war dieses Werk zu avantgardistisch und politisch. Flimm sagte im Rückblick, "es fehle in Salzburg an der unbedingten Freiheit des Denkens". Er verließ Salzburg ein Jahr früher als geplant, Hinterhäuser ist 2011 Interimsintendant. 2012 kommt Alexander Pereira, der in seinem Kunstverständnis als eher konservativ gilt.

Unterhaltung so wichtig wie das Experiment.
In Berlin bilden nun Flimm und der Dirigent Daniel Barenboim ein offensichtlich gutes Gespann. Die erste Saison war nicht leicht, denn die Staatsoper musste in das kleinere Schillertheater umziehen, weil ihr Haus unter den Linden mehrere Jahre lang saniert wird. Der größte Erfolg der ersten Spielzeit war Alban Bergs "Wozzeck", dirigiert von Barenboim, inszeniert von Andrea Breth.

Mit Flimm hat ein anderer prominenter Berliner Intendant am 17. Juli Geburtstag, Frank Castorf, der die Volksbühne im ehemaligen Ostberlin leitet. Er wird 60 Jahre alt. Castorf ist der Hauptregisseur an seinem Theater, er hat in der Nachwendezeit aus der Volksbühne ein sehr persönlich geprägtes Theater gemacht, das die politische Stimmung Berlins reflektierte.

Flimms Theaterverständnis hingegen ist breiter angelegt. Er hat sich im Laufe der Zeit als Regisseur immer mehr zurückgenommen und sich auf die Arbeit des Intendanten konzentriert, als Partner von Regisseuren, Dirigenten, Schauspielern und Sängern. Unterhaltung ist Jürgen Flimm so wichtig wie das Experiment.

Wilhelm Roth

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