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330.8.2010

Auslegung des Evangeliums mit Kaplan Michael Pahl

Lk 4,16-30

domradio.de: Herr Pahl, im Zentrum steht sicher die Aussage, dass sich das Schriftwort erfüllt habe. Was meint Jesus eigentlich genau damit?
Kaplan Michael Pahl: Dass sich das Schriftwort erfüllt, ist für uns an dieser Stelle ziemlich wichtig, glaube ich. Jesus bezieht das jetzt auf sich selbst, auf seine Person und sein Wirken. Er zitiert den Propheten Jesaja aus dem 61. Kapitel: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt.“ Lukas der Evangelist macht deutlich, dass Jesus der Prophet ist, derjenige, der vom Volk Israel erwartet wird. Mehr noch - Jesaja und dieses einzige Kapitel stehen - laut der Exegeten - in engem Zusammenhang mit den Gottesknechtsliedern, also dem, was dem leidenden Gottesknecht widerfahren wird, wie er das Volk Gottes erlösen wird. Und all das fließt hier in Jesus„ Selbstbeschreibung zusammen: Ich bin dieser Prophet, ich bin derjenige, von dem Gott gesagt hat, er wird die Gefangenen in Freiheit setzen, den Zerschlagenen Freiheit bringen und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufen.

domradio.de: Dann wird hier Bezug genommen auf Jesu“ Wirken in Kafarnaum. Was haben diese Ausführungen in dem Text mit Kafarnaum zu tun?
Kaplan Michael Pahl: Kafarnaun ist ja im heidnischen Galiläa, wie das so auch in der heiligen Schrift zitiert wird. Und das ist immer ein heikler Punkt in der biblischen Überlieferung: Wie nimmt das Gottesvolk, das auserwählte Bundesvolk, Gott, seinen Vater, seinen Retter, und diejenigen, die er gesandt hat, auf? Nazareth liegt in Israel, während Kafarnaun eben nicht dort liegt. Und so sind auch diese Anspielungen Jesu„ auf die Witwe von Sarepta bei Sidon und den Syrer Naaman zu verstehen -  dass es für Jesus schon in erster Linie darauf ankommt, dass er zum Volk Israel geht, dass das Gottesvolk zurückgeführt wird auf den Weg Gottes, auf die Bekehrung des Herzens zu ihm hin, aber dass es letztlich eben nicht auf eine Auserwählung ankommt, sondern auf das gläubige Hören des Wortes Gottes, auf die Annahme des Wesens Gottes im eigenen Herzen. Und so zeigt Jesus, wie Leute in Kafarnaun, im heidnischen Galiläa, und vorher schon Leute in Sarepta und in Syrien Gott mit offenerem Herzen aufgenommen haben als diejenigen, an die das Wort eigentlich zuerst ergangen ist.

domradio.de: Dann heißt es ja hier weiter in dem Text, dass kein Prophet in seiner Heimat anerkannt wird. Ist das so eine Art Auftrag, die Heimat zu verlassen und die Botschaft sozusagen in der Welt zu verkünden?
Kaplan Michael Pahl: Ich selbst mache, ehrlich gesagt, auch die Erfahrung, dass es in der Heimat mit der Verkündigung der frohen Botschaft immer ein bisschen schwieriger ist. Zu Menschen, die man kennt, mit denen man aufgewachsen ist, hat man ein anderes Verhältnis und es fällt nicht immer ganz leicht. Aber Heimat in dem Sinne wie wir sie verstehen, vor allem als geografische Heimat, ist ja nur ein Teil dessen, was der Begriff hier umfasst. Also in erster Linie geht es meiner Meinung nach bei der Verkündigung Jesu“ immer um Bekehrung, um Annahme des Reiches Gottes und eben um die Erkenntnis, dass man selbst als Mensch immer wieder zur Umkehr gerufen ist. Auch als jemand, der mit Gott eigentlich seinen Weg schon geht. Dass diese Bekehrung immer wieder notwendig ist, auch wenn man meint, Gott gut zu kennen. Das ist, glaube ich, das, was der Begriff Heimat eigentlich meint. Heimat ist dort, wo sich das Reich Gottes ausbreitet, ist dort, wo der Mensch zur Umkehr bereit ist, Andererseits eben verfallen Menschen, die meinen, Gott gut zu kennen, häufig in die Illusion: Wir kennen das alles schon und brauchen nicht noch grundsätzlich über unser Leben nachzudenken; so, wie ich das mache, ist das schon gut. Das ist immer ein bisschen gefährlich. In manchen eingeschliffenen kirchlichen Formen merkt man, dass es eigentlich mehr um Äußerlichkeiten geht, um Bewahrung von Traditionen, und - böse gesagt - manchmal auch ein wenig um Folklore. Während der eigentliche Kern - dieser radikale Umsturzgedanke der Bekehrung des Herzens zu Gott - häufig zu kurz kommt.

domradio.de: Was könnten wir denn heute aus diesem Text heraus in den Tag mitnehmen?
Kaplan Michael Pahl: Wir könnten uns fragen wie es mit unserem eigenen Verhältnis zu Gott aussieht, mit unserer Bekehrung zu ihm hin; wie wir Jesus aufnehmen, wie wir anderen gegenüber treten. Draufzuhauen auf die Welt, die nicht an Gott glaubt, draufzuhauen auf Menschen, die Gott nicht annehmen, ist natürlich immer leicht. Aber viel schwieriger ist es, beim eigenen Leben anzufangen, sich zu fragen: Wie komme ich dem nach, was ich vom Glauben verstanden habe, wie komme ich meiner persönlichen Beziehung zu Jesus nach? Und diese Beziehung immer wieder zu erneuern und sich auch seinen Fehlern und Schwächen zu stellen.

Audio Beitrag
  • Lk 4,16-30 - Auslegung des Evangeliums mit Kaplan Michael Pahl (30.8.2010)
  • Lk 4,16-30 (30.8.2010)
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