24.8.2010
Auslegung des Evangeliums mit Pfarrer Klaus-Peter Weinhold
Joh 1,45-51
domradio.de: Herr Weinhold, heute ist der Festtag des heiligen Bartholomäus. Im Text ist die Rede von Nathanael, und da muss man sich klar machen, dass das ein- und dieselbe Person ist.
Klaus-Peter Weinhold: So ist es. Nathanael wird gerade im Johannesevangelium als Zweitname oder als Ersatzname für Bartholomäus genannt. Die Ausleger sind sich einig, dass es sich um ein- und denselben Jünger handelt, der später übrigens als Verkünder des Evangeliums bis nach Indien gekommen sein soll, Armenien, Ägypten bereist hat, dort in Armenien auch sein Martyrium fand. Also Bartholomäus und Nathanael sind ein- und dieselbe Person. Daher schreibt Johannes hier auch von Nathanael und man könnte diesen Namen übersetzen mit „Geschenk Gottes“ oder „Gott hat es gegeben“.
domradio.de: Dann schauen wir uns Nathanael doch mal genauer an. Wie kommt Jesus denn zu seinem schnellen Urteil über ihn als „echter Israelit“ und „Mann ohne Falschheit“. Was bedeutet das, ein echter Israelit zu sein?
Klaus-Peter Weinhold: Also, zunächst ist eine herbe Abfuhr davorgestellt, denn Nathanael sagt: „Was kann aus Nazareth eigentlich Gutes kommen?“ Dahinter steckt schon eine Rivalität im galiläischen Raum, also zwischen den Städten im Norden Israels. Man vermutet, dass Nathanael / Bartholomäus aus Kanaa kommt. Und Nazareth als kleine Handwerkerstadt stand auch immer in Rivalität mit Bethlehem bezüglich der Frage: Wo ist eigentlich unser Herr und Heiland richtig anzusiedeln? Aber Jesus geht auf diese saloppe Abfuhr gar nicht ein, sondern sagt gleich „Ich kenne dich“. Wie wunderbar wenn man das im Leben erfährt, dass jemand anders einen begrüßt, beim Namen nennt, kennt. Und die Symbolik, die Jesus hier anspricht - du bist ein Mann ohne Falschheit, ein echter Israelit, weil ich dich unterm Feigenbaum gesehen habe - kommt wahrscheinlich daher, dass der Feigenbaum aus der Paradiesgeschichte als solch ein Ort der Erkenntnis, der geistlichen Versenkung gilt. Adam und Eva hielten sich ja als Schutz vor ihrer Nacktheit die Feigenblätter vor, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten. Also, wer unter dem Feigenbaum sitzt, ist jemand, der über sein Leben schon intensiv nachdenkt.
domradio.de: „Ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen“ heißt es ziemlich verheißungsvoll am Ende des Textes. Inwiefern gilt denn diese Verheißung im letzten Satz auch noch für uns heute?
Klaus-Peter Weinhold: Ich meine, dass das ein wunderbares Bild ist. Es knüpft ja an Jakobs Himmelsleiter-Traum an, dass wir helfen können, Menschen den Ort zu zeigen, wo Gott wohnen kann, dass er bei ihnen ist, wo der Sinn unseres Lebens nochmal neu und ganz direkt erfahren werden kann. Gerade Menschen, die als Touristen nach Mallorca aufbrechen, sind ja getrieben von einer großen Sehnsucht, dass das Leben noch etwas mehr bietet als ihr Alltag. Das ist das Urmotiv alles Reisens, allen Pilgerns: Dorthin kommen, wo ich etwas erfahre, was mich verwandelt, was mich so verändert, dass ich ganz neu geboren ins Leben zurückkehren kann. Und das sucht man eben auch im Urlaub, und wir können einander helfen durch Begegnungen in Gottesdiensten, durch Orte unter den Bäumen, durch das Wahrnehmen der Bäume. Wir haben hier wunderschöne Olivenbäume mit den wunderbaren gedrehten Wurzeln, wir haben die Mandelblüte, die uns im Januar und Februar die Insel wie von zauberhaftem Schnee befallen erblicken lässt. Wir haben eben auch die Feigenbäume, die gerade jetzt erntereif sind und uns ihre köstlichen, violetten, süßen Früchte schenken. Dadurch, dass man das erfährt, kann man spüren, es gibt diesen Ort, an dem ich Gott selbst ganz nah bin, wo der Himmel offen ist und wo Engel auf- und absteigen.