23.8.2010
Auslegung des Evangeliums mit Pfarrer Klaus-Peter Weinhold
Mt 23,13-22
domradio.de: Herr Weinhold, ich sage es mal relativ platt. Jesus schimpft ja hier ziemlich herum. Was genau stört ihn denn an dem Vorgehen der Pharisäer?
Klaus-Peter Weinhold: Das ist in der Tat für einen Wochenstart ein sehr garstiger Text, den wir gerade gehört haben. Und er wird in der Theologie unter den so genannten Wehe-Rufen abgehandelt. Es ist ja mehrmals so, dass er auf die Schriftgelehrten und Pharisäer schimpft - wehe euch ihr blinden Narren, ihr Heuchler! Also harte Worte, die so gar nicht an den lieben Jesus erinnern, den wir aus anderen Zusammenhängen kennen, oder dem Sanftmut von Wunderheilung oder Bergpredigt. Was ihn hier am meisten ärgert, ist die Doppelzüngigkeit, die Hartzherzigkeit, das Heuchlerische, wenn Menschen meinen, sie haben die Macht oder die Schlüsselgewalt, das Himmelreich aufzuschließen oder zu versperren. Und es stört Jesus, dass dort eben mit einer Machtposition argumentiert wird: Wir haben den Tempel, wir verwalten die Opfergaben. Und es ist ja eine Geschichte, die sich so fortsetzt, dass Jesus das unmittelbare Verhältnis zu Gott wieder herstellt, dass er keine falschen Hierarchien aufstellen will. Das kommt in diesem Text ganz deutlich zum Ausdruck.
domradio.de: Wenn wir das noch mal genauer anschauen, so ist dort die Rede vom Tempel und vom Gold des Tempels, vom Altar und vom Opfer des Altars. In welchem Bezug sieht Jesus denn diese Dinge zueinander?
Klaus-Peter Weinhold: Er sagt, dass der Wohnort Gottes, der Tempel, durchaus die Gegenwart Gottes selber ist. Aber es geht eben nicht um Verhaltensweisen, um bestimmte Zuständigkeiten, darum, dass man bestimmte Bereiche für besonders wichtig hält. Sondern er sagt, ihr müsst euch um Gott selber kümmern, ihr müsst das sehen, was Gott uns Menschen hier anbietet, und ihr dürft nicht eine Trennung ziehen zwischen denen, die das besonders richtig machen; ihr seid letztlich die Entscheidenden. Dass ihr die Pharisäer, Schriftgelehrten, sozusagen als religiöse Oberaufseher des Volkes seht. Man muss allerdings in diesem Text auch sehen, dass er gerade in der Wirkungsgeschichte des letzten Jahrhunderts fatale Folgen gehabt hat. Eine große Geschichte der Judenfeindlichkeit wird mit solchen Texten und ist mit solchen Texten begründet worden. Ich glaube, dass Jesus uns hier einlädt, den Tempel auch zu verstehen als den Bereich, in dem Gott uns nahe kommt. Das wird ja nachher auch im Neuen Testament noch deutlicher, bei Paulus, der sagt: „Ihr Menschen, euer Leib ist der Tempel Gottes; da wohnt Gott.“ Also, das Himmelreich aufschließen heißt, achtet auf euer Leben, achtet auf euer Verhalten. Und das Wichtige und Entscheidende ist, wie wir Menschen miteinander umgehen. Nicht irgendeine gesetzliche Ordnung, sondern, dass unsere Ethik, unser moralisches, sittliches Verhalten, wie wir miteinander umgehen in Liebe und Aufmerksamkeit, in Respekt, Achtung, Wertschätzung voreinander. Das sind die entscheidenden Kriterien, um sich das Himmelreich aufzuschließen.
domradio.de: Würden Sie uns das auch mit in den heutigen Tag als Impuls geben, dass wir uns darüber mal bewusst werden?
Klaus-Peter Weinhold: Ja, ich würde sagen, wir sollten nicht den drohenden und harten Charakter dieses Textes zu sehr aufnehmen, sondern auch danach suchen, wie viele kleine wunderbare Möglichkeiten es gibt, jeden Tag neu in Begegnung, in Gesprächen, in Entdeckungen einer wunderschönen Natur, auch vielleicht eines warmen Sommerregens, sich ein Stück vom Himmel sozusagen zu vergegenwärtigen. Denn der Himmel ist ja nicht oben oder irgendwo weit weg, sondern er ist dort, wo Menschen einander begegnen, wo man das Gesicht der Schwester, des Bruders erkennt. Und das ist doch eigentlich eine schöne Möglichkeit in diese Woche zu starten.