21.8.2010
Auslegung des Evangeliums mit Julia Grefen
Mt 23,1-12
domradio.de: Frau Grefen, Jesus propagiert ja hier eine Art umgekehrte Rangordnung. Warum macht er das?
Julia Grefen: Die Mahnung ist speziell an seine Jünger gerichtet, denn sie gehören ja auch zu den Zuhörern. Und die drei Titel wie man sich in der Christengemeinde eben nicht nennen soll, sind nicht wahllos genommene Beispiele, sondern stellen ein Stück früher Gemeindeordnung dar. Gerade in der jüdischen Umgebung mussten die Jünger alles vermeiden, was mit dem Muster von der anderen Seite verwechselt werden konnte, und sie wollten sich nicht aus Taktik abgrenzen, sondern aus dem neuen Wissen heraus, dass Jesus sie gelehrt hat. Der wahrhaft Herrschende ist der, der dient. Das hat er ihnen ja immer wieder gesagt. Und wenn die Jüger auf Titel und Rangordnung verzichten, zeigen sie, dass sie ihre Beziehung zu Gott und zu Christus richtig verstanden haben.
domradio.de: Schon in den letzten Tagen ging es in den Evangelien immer um Nachfolge und um die Einhaltung von Gesetzen. Warum führt Jesus denn heute die Pharisäer als so ein krasses Negativbeispiel an?
Julia Grefen: Die Pharisäer zeichneten sich dadurch aus, dass sie sehr genau die Gesetze und die Gebote der Tora befolgten, und sie galten da auch als sehr radikal, weil sie zum Beispiel mit Menschen, die die Sabbat- und Reinheitsgebote nicht befolgten, nichts zu tun haben wollten. Sie hielten die Gesetze so streng ein, weil sie das Kommen des Reiches Gottes erwarteten und sich dafür bereit halten wollten. Diese Textstelle hat leider dazu beigetragen, dass wir heute sehr oft den Begriff Pharisäer mit dem Wort Heuchler verbinden. Das ist aber eigentlich historisch nicht so korrekt.
domradio.de: Aber das, was Jesus kritisiert, ist ja schon eine Scheinheiligkeit, oder?
Julia Grefen: Ja, aber die Pharisäer haben das auch aus bestem Wissen und Gewissen getan. Sie sahen es einfach als ihre vorrangige Aufgabe an, die Gesetze und Gebote der Tora zu befolgen, denn diese sind eben von Gott und von Mose gekommen.
domradio.de: Jetzt ist es ja auch heute so, dass es in unserer Kirche, aber auch in allen anderen Glaubensgemeinschaften und Institutionen, immer Würdenträger und wichtige Amtspersonen gibt. Glauben Sie, dass Jesus diese heute eben auch kritisieren würde?
Julia Grefen: Diese Frage ist sehr schwierig und auch sehr vielschichtig. Natürlich hat sich die Kirche nicht so entwickelt, wie Jesus sich das vorgestellt hat. Aber man muss sich auch kritisch fragen, ob es überhaupt möglich gewesen wäre, Kirche auch ohne die Amtskirche zweitausend Jahre am Leben zu erhalten. Aber ich glaube trotzdem, dass Jesus so manches zu kritisieren hätte. Ich erlebe viele Priester, die wirklich einen tollen Dienst am Menschen leisten und die ihr Amt sehr würdig ausüben. Der Pastor meiner Kirchengemeinde ist zum Beispiel so ein Mensch. Aber - ich muss auch darauf zu sprechen kommen - was wir auf der anderen Seite im Missbrauchsskandal erfahren haben, war wirklich ungeheuerlich und hat mich auch sehr, sehr traurig gestimmt. Aber ich finde, oftmals beginnt es auch schon im Kleinen. Ich weiß von Priestern, die in ihren Gemeinden nur montags beerdigen, und egal, welcher innerfamiliäre Grund vielleicht bei den Angehörigen dagegen spricht, nur montags finden Beerdigungen statt. Oder es gibt Priester, die lassen den Gottesdienst ausfallen, wenn der ehrenamtliche Küster mal nicht da ist, weil sie den Küsterdienst nicht selbst machen wollen. Man könnte die Liste von Beispielen fortsetzen. Ich finde einfach, dass viele Amtsträger in der Kirche den Dienst am Menschen aus den Augen verloren haben. Und diese übergroßen Gemeinden, die durch die Fusion von Kirchengemeinden entstehen, machen es den Priestern da auch nicht gerade einfacher.
domradio.de: Aber diese Priester könnten aus einem Text wie dem heutigen auch noch mal den Auftrag neu verstehen, verstehen, worum es eigentlich geht?
Julia Grefen: Ja, aber eben nicht nur Priester, sondern jeder von uns sollte überlegen, wie weit unsere Worte und unser Handeln übereinstimmen. Ich selber merke auch, dass ich als Lehrerin und Theologin immer wieder sehr stark danach beurteilt werde, ob Wort und Tat übereinstimmen.
domradio.de: Worte und Taten in Einklang bringen, das ist ganz wichtig. Haben wir noch einen Impuls, den wir uns aus dem heutigen Text mit in unser Wochenende nehmen können?
Julia Grefen: Ich glaube, das ist schon der zentrale Aspekt. Denn der Vorwurf in diesem Tagesevangelium lautet ja, dass es um Heuchelei geht, um dieses Auseinanderklaffen von Lehren und Tun und ich glaube, da sollte wirklich jeder selbstkritisch einmal reflektieren, wie es in seinem persönlichen Leben damit aussieht, ob Wort und Tat übereinstimmen.