20.8.2010
Auslegung des Evangeliums mit Julia Grefen
Mt 22,34-40
domradio.de: Warum will der Gesetzeslehrer Jesus denn hier auf die Probe stellen?
Julia Grefen: Die Gesetzeslehrer waren bemüht, unter der Besatzungsmacht der Römer das jüdische Volk bei der Stange zu halten und die jüdischen Traditionen zu bewahren. Und da kommt dieser Jesus daher und bringt mit seiner neuartigen Lehre alles durcheinander. Deswegen war er ihnen recht schnell ein Dorn im Auge. Für die Schriftgelehrten galten alle Gebote gleich und mussten auch alle gleich befolgt werden, weil sie eben von Gott und von Moses stammten. Man muss sich das einfach mal klar machen, in Natura finden wir wirklich 248 Gebote und 365 Verbote. Und nun kamen die Gesetzeslehrer zu Jesus und wollten hören, wie sich Jesus zu diesem zentralen Punkt des jüdischen Glaubens, eben dem Gesetz, verhält.
domradio.de: Am Anfang der Woche hat Jesus ja auch noch weitere Bedingungen aufgestellt, um ihm nachzufolgen. Heute zählt er sozusagen nur die wichtigsten Punkte auf. Welche Relevanz haben diese beiden Forderungen denn heute noch?
Julia Grefen: Jesu' Antwort macht deutlich, dass sich aus diesem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe alle anderen Gebote ergeben. Sollte einer im Leben einen Zweifel haben, was er im Einzelfall tun solle und wo der Wille Gottes zu finden sei, so soll er sich an diese beiden Gebote halten, und er ist bestimmt auf der sicheren Seite. Und Jesus selbst macht uns das in seinem Leben auch vor. Die Erfüllung des Willen Gottes und die dienende Liebe zu den Menschen gehören einfach zusammen. Und das heißt für uns als Konsequenz, so wie es vielleicht im ersten Brief des Apostels Johannes auch steht: „Wenn einer sagt, er liebe Gott und hasst seinen Bruder, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sehen kann, der kann Gott nicht lieben, den er nicht sehen kann.“
domradio.de: Wie können wir das heute umsetzen?
Julia Grefen: Wir haben die ganze Woche über immer wieder von diesem Nächstenliebegebot und von dem Tun vom Guten am Menschen gesprochen. Vielleicht sollten wir das heute einmal ganz praktisch umsetzen. Zum Beispiel, indem wir nicht nur mit einem kurzen Gruß an unserem Nachbarn vorbei gehen, sondern ihn einfach mal fragen, wie es ihm geht, was er gerade so macht, was ihn umtreibt. Oder indem wir einen Menschen anrufen oder besuchen, von dem wir wissen, dass es ihm gerade nicht so gut geht. Oder indem wir einem Menschen, der uns viel bedeutet, auch mal wieder sagen, was er uns bedeutet.