19.8.2010
Auslegung des Tagesevangeliums mit Julia Grefen
Mt 22,1-14
domradio.de: Über dieses etwas ungewöhnliche Gleichnis spreche ich jetzt mit Julia Grefen. Warum ist der König in diesem Gleichnis denn so unbarmherzig mit dem Gast ohne Hochzeitsgewand?
Julia Grefen: Irgendetwas stimmt hier nicht, und ich könnte mir vorstellen, dass auch viele Hörer sich fragen, woher der Mann sein Festgewand denn haben soll, wenn er doch eben erst von der Straße weg zum Hochzeitsfest geholt wurde. Denn man erwartet vom König ja eher Dank und Freude als einen Rauswurf. Wenn uns solche Ungereimtheiten in der Bibel begegnen, dann sind oft hintergründige Informationen enthalten, die für die Menschen damals offensichtlich waren, die wir aber heute nicht mehr verstehen. Die Erklärung ist nämlich, dass es zur damaligen Zeit üblich war, dass der Gastgeber eines Hochzeitsmahls für seine Gäste Hochzeitsgewänder bereit legte. Das heißt, dass die Frage des Königs eigentlich lauten müsste: „Mein Freund, wie bist du hier ohne das Festgewand hereingekommen, das ich doch für dich bereit gelegt habe?“ Und dann können wir das ungehaltene Verhalten des Königs verstehen, denn es ist schon ein wenig unverschämt, ein Hochzeitsgewand, welches für mich als Gast bereitgelegt wurde, zu verweigern.
domradio.de: Und dann heißt es hier: „Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt.“ Was bedeutet das in diesem Zusammenhang?
Julia Grefen: Man kann natürlich fragen, wer ist heute auserwählt, und das ist eine sehr schwierige Frage. Ich glaube, wenn ich das so sagen könnte, dann wären wir alle ein Stück weiter. Denn ich glaube, dass Gott uns eben allen ein Geschenk vor die Tür gestellt hat, und er lässt uns die Freiheit, ob wir die Tür öffnen und das Geschenk reinholen. Und ich glaube schon, dass Gott jeden Einzelnen von uns auserwählt hat und ihm eine besondere Aufgabe in seinem Leben zukommen lässt. Jedoch muss ich Gott auch die Gelegenheit geben, sich in meinem Leben bemerkbar machen zu können. Denn wie die geladenen Gäste im Gleichnis sind wir ja oft so beschäftigt mit den Dingen des Alltags, dass Gott gar keinen Platz in unserem Leben findet, oder wir gar nicht die Ruhe haben, Gott in unser Leben eindringen zu lassen. Um bei meinem Bild zu bleiben - ich muss mir überhaupt auch erstmal die Zeit nehmen, die Tür zu öffnen und sein Geschenk zu sehen.
domradio.de: Gestern ging es um die Arbeiter, die alle unterschiedlich lange gearbeitet und dennoch den gleichen Lohn bekommen haben. In welchem Zusammenhang stehen denn die beiden Gleichnisse von gestern und heute?
Julia Grefen: Zum einen meinen der Weinbergbesitzer und der König denselben Vater im Himmel. Und beide Gleichnisse gehen der Frage nach, wie kann ich mir solche Größen wie Himmelreich und ewiges Leben überhaupt vorstellen. Und Jesus weiß hier selbst, dass er im menschlichen Raum-Zeit-Denken an seine Grenzen stößt, um Himmelreich und ewiges Leben beschreiben zu können. Und deshalb nutzt er immer wieder diese Bilder, die sich an die Wirklichkeit eines Himmelreiches sicherlich nur annähern können. Aber ich muss sagen, ich finde das Bild, sich das Himmelreich als Hochzeitsmahl vorzustellen, ein sehr schönes Bild, erst recht, wenn ich da an meine eigene Hochzeit denke.
domradio.de: Wir müssen uns also einladen lassen von Gott, und wir müssen Gott auch eindringen lassen. Wie können wir uns denn auf diese Einladung vorbereiten?
Julia Grefen: Ich glaube, es ist einfach schon eine sehr gute Vorbereitung, Gott in unserem Leben Raum zu geben, denn ich persönlich glaube, dass es sich lohnen wird. Und ihm einfach auch die Möglichkeit geben, sich in unserem Leben zu zeigen.