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313.8.2010

Auslegung des Evangeliums mit Prof. Klaus Erich Müller

Mt 19,3-12

domradio.de: Über das Gleichnis vom Weizenkorn spreche ich jetzt mit Professor Klaus Müller. Er beschäftigt sich mit philosophischen Grundfragen der Theologie an der Uni Münster. Es klingt ziemlich lebensverachtend, was Jesus da sagt. Das ist aber doch eigentlich gar nicht so gemeint, denn in der christlichen Religion kann man das ja gar nicht vereinbaren. Warum spricht Jesus hier denn so?
Prof. Klaus Müller: Man muss bei diesen Gleichnissen immer gut aufpassen, in welchem Kontext sie stehen. Dieses Gleichnis, das wir heute gehört haben, steht in der letzten öffentlichen Rede Jesu vor seiner Passion, ist also gewissermaßen ein Vermächtnis. Man könnte sagen, dass dieses Gleichnis vom Weizenkorn eigentlich gar nicht so spezifisch christlich ist. Auch andere Philosophien, andere Religionen kennen diese Grundeinsicht, dass ich etwas gewinnen kann, wenn ich etwas weggebe. Und das kommt hier in diesem Gleichnis sehr gut zum Ausdruck.

domradio.de: Wie werden wir vom Vater geehrt, wenn wir Jesus dienen, und wie soll dieser Dienst aussehen? Was ist hier gemeint?
Prof. Klaus Müller: Der Dienst meint die Nachfolge. Also eintreten in die Art und Weise wie Jesus mit Menschen umgeht, wie er gerade auf diejenigen zugeht, die schwach und angeschlagen sind; theologisch gesprochen natürlich auch die Sünder. Und die Art und Weise wie der Vater uns ehrt, ist gewissermaßen die theologische oder johannische Variante zu sagen, sich von Gott anerkannt zu fühlen in der Art und Weise wie ich lebe.

domradio.de: Aber um jemandem zu dienen, muss ich mein Leben doch nicht gering achten?
Prof. Klaus Müller: Nein, es geht ja nicht um die Geringachtung des anderen, sondern es geht darum, vom eigenen Egoismus Abschied zu nehmen. Die Geringachtung bezieht sich auf das eigene Leben. Zu sagen ich muss mich nicht immer in den Mittelpunkt stellen; ich kann es wagen, auf andere, auf anderes, zuzugehen ohne an mich selber zu denken. Sich frei zu machen von sich selber ist gewissermaßen die Voraussetzung für diesen Dienst.

domradio.de: Wie können wir das heute in unseren Tag übernehmen?
Prof. Klaus Müller: Beispielsweise, indem ich auf eine Frage eingehe, die mir schon unzählige Male gestellt worden ist und ich geduldig noch einmal antworte. Oder dass ich jemandem entgegen gehe, der mir vielleicht nicht sympathisch ist. Es geht eigentlich immer um die Übersetzung in das Alltägliche. Johannes sagt Agape dazu - Liebe. Das ist etwas sehr Prosaisches. Es heißt, dem anderen Raum geben, damit er mit dem klarkommt, was ihn bewegt und was ihn quält.

Audio Beitrag
  • Mt 19,3-12 - Auslegung des Evangeliums mit Prof. Klaus Erich Müller (13.8.2010)
  • Mt 19,3-12 (13.8.2010)
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