12.8.2010
Auslegung des Evangeliums mit Prof. Klaus Erich Müller
Mt 18,21-19,1
domradio.de: Herr Müller, wie kann Jesus auf der einen Seite Barmherzigkeit verlangen, wenn er andererseits am Ende dieses Gleichnisses heftig droht? Er droht z.B. mit Folterkammer ...
Prof. Müller: Man muss die literarische Form des Gleichnisses sehen: Gleichnisse möchten nicht informieren, sie möchten auch keine moralische Botschaft geben, sondern sie wollen treffen. Genau das tut das heutige Gleichnis. Zum Einen wird uns gesagt: Mensch, wenn Du an Schuld denkst, bist Du immer aufgefordert, endlos zu vergeben. Ich habe gestern Abend in der Vorbereitung noch einmal den griechischen Originaltext angeschaut. Da steht wortwörtlich: Nicht 77 Mal, sondern 7-mal 70 Mal soll vergeben werden, also 490 Mal. Wenn Du Mensch mit jemandem in Konflikt kommst, bist Du immer aufgefordert, endlos zu vergeben. Genau das tut Gott auch. Im Weiteren zielt dieses Gleichnis darauf ab zu sagen: Lass Dich in Anspruch nehmen von dem, was da passiert. Die übrigen Diener gehen weg und sehen, was da passiert ist. Sie möchten dazu aufrufen, das eigene Leben ins Spiel zu bringen.
domradio.de: Am Ende des Gleichnisses heißt es: Als Jesus diese Reden beendet hatte, verließ er Galiläa und zog in das Gebiet von Judäa. Haben diese beiden Orte hier auch eine Bedeutung?
Müller: Keine allzu große. Insgesamt ist es im Matthäus-Evangelium so, dass der ganze Weg Jesu als eine Art Wallfahrt nach Jerusalem angelegt ist.
domradio.de: Im Gleichnis ist von zwei verschiedenen Dienern die Rede. Nach oben ducken und nach unten treten - das ist auch heute eine immer wieder praktizierte „Tugend“. Kann Barmherzigkeit auch in einem wirtschaftlich arbeitenden Betrieb, der nach bestimmten Regeln funktionieren muss, ein praktikables Modell sein?
Müller: Ich denke ja. Im normalen Wirtschaftsleben geht das eigentlich formell nicht. Trotzdem bleiben Menschen sich einander und sich selbst oft viel schuldig und sind darauf angewiesen, dass ihnen manches vergeben wird.
domradio.de: Was will uns Jesus mit diesen Worten für den heutigen Tag mitgeben?
Müller: Sei bereit zu vergeben, Du bist selbst darauf angewiesen, dass Dir vergeben wird.