Mt 13,54-58
Auslegung des Evangeliums mit Sr. M. Simone Weber ADJC
domradio.de: Schwester Simone, warum lehnen die Menschen in der Heimat Jesus ab?
Sr. Simone Weber: Zunächst nehmen die Leute ja wahr, dass er große Weisheit hat und die Kraft, Wunder zu tun. Sie staunen, heißt es. Aber dann passiert offensichtlich etwas, von dem Jesus auch in den letzten Tagen gesprochen hat, in den Gleichnissen. Dann kommt der Feind und sät Misstrauen, also dieses Unkraut. Von ihrer Geschichte her hätten die Leute ja wissen können, dass Gott immer wieder Propheten und begabte Menschen beruft. Das Vertrauen in Gottes Handeln im Menschen, jetzt, also gerade zu der Zeit Jesu und sicher heute auch, das ist gestört. Sie bleiben bei dem Vordergründigen hängen. Eigentlich sind sie verlockt, sich von Gottes Wort berühren zu lassen. Sie staunen, aber daraus folgt dann nicht diese Anerkennung und Freude über das, was sie gehört und gesehen haben. Sie gehen in eine andere Richtung. Sie sagen „Ach, das ist doch nur der Zimmermann oder der Zimmermannssohn, was will der schon!“ Dazu wird natürlich auch Neid und Eifersucht kommen, aber das Härteste ist das Misstrauen.
domradio.de: Und Jesus zieht daraus auch seine Konsequenzen. Zum Schluss heißt es, er wirkt weniger Wunder in seiner Heimat. Aber gerade durch Wunder hätte Jesus doch die Menschen mehr überzeugen können. Das wundert mich ein bisschen. Warum tut er dies denn nicht?
Sr. Simone Weber: Es heißt da, dass er „wegen ihres Unglaubens“ nur wenige Wunder tun konnte. Das ist für mich ein ganz deutliches Zeichen. Gott überwältigt den Menschen nicht, sondern er hat dem Menschen Freiheit gegeben, und er sagt, ich biete dir etwas an, und du kannst darauf einschwingen. Er bietet dem Menschen an mitzugehen, also zu vertrauen. Und dann, wenn der Mensch vertraut, kann das Wunder geschehen. Aber hier heißt es: „Sie waren ungläubig“. In einer anderen Übersetzung heißt es, er konnte kein Wunder tun, weil sie Misstrauen hatten. Das Wichtigste ist Glauben und Vertrauen und darauf zu vertrauen, dass Gott wirkt und Zeichen setzt, also den Menschen verlockt zum Glauben und zum Vertrauen, aber ihn nie zwingt. Er zwingt ihn auch nicht, Wunder anzunehmen.
domradio.de: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat und in seiner Familie. Das ist ein bekanntes Sprichwort. Was bedeutet das ganz konkret für uns und für unseren heutigen Alltag?
Sr. Simone Weber: Wir alle machen uns immer Bilder. Das ist eigentlich ganz normal. Wir haben daher natürlich auch Vorurteile. Aber manchmal machen wir uns auch Bilder in der Familie oder in unseren Gemeinschaften, und wir gehen die Entwicklung der Menschen, die mit uns leben, nicht mit und haben sie dadurch festgelegt und in eine Schublade gesteckt. Wichtig wäre, dass wir uns in unserem Inneren aufbrechen lassen und uns diesem Wirken des Gottesgeistes öffnen. Also dass wir daran glauben, dass Gott immer wieder schöpferisch Neues in uns und in den anderen wirkt. Und die Wunder zu sehen und ihnen zu vertrauen, sich davon anrühren zu lassen, das ist, glaube ich, das, was dieses Evangelium uns insbesondere mitteilen will. Dass wir Gott zutrauen, dass er in uns heute Wunder wirkt und auch in all den anderen Wunder wirken kann.