Joh 11,19-27
Auslegung des Evangeliums mit Sr. M. Simone Weber ADJC
domradio.de: Du bist der Messias, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll. Das sagt Marta von Betanien in diesem Text heute zu Jesus. Und wir sprechen über dieses Glaubensbekenntnis der Marta mit Schwester Simone, Provinzoberin der Gemeinschaft der Armen Dienstmägde Jesu Christi. Zunächst einmal die Frage. Ganz am Anfang des Textes heißt es, als Marta hörte dass Jesus kommt, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus. Warum tut sie das?
Sr. Simone Weber: Ja, wenn wir das wüssten. Es steht ja nicht darin, und wir wissen deswegen nicht, warum sie im Haus geblieben ist. Aber wir wissen, dass der Autor des Johannesevengeliums nichts ohne Grund schreibt, und so können wir mögliche Deutungen versuchen. Einmal kann man sagen, sie war so in der Trauer gefangen, dass sie wie gelähmt war und deswegen nicht ging. Oder auch, dass sie nicht eine solche Spontaneität hatte wie Marta. Oder auch, dass man sagen kann, sie ist die, die zu Füßen Jesu saß, und sie war ein wartender und besinnlicher Typ. Sie wartete auf den Freund, der da kommt. Im Verlauf der Geschichte kann es auch so aussehen, dass sie es gar nicht wusste, denn es heißt nachher, nachdem Marta Jesus begegnet war, lief sie zurück und sagt ihrer Schwester „Der Meister ist da und ruft dich.“ Und dann heißt es „Sie stand eilends auf und ging Jesus entgegen“. Marta scheint auch eine aktive Frau gewesen zu sein, die zwar beschaulich war, aber auch die Leiterin einer Hauskirche. Und wenn man die ganze Geschichte ansieht, muss man sagen, die Geschichte dieser beiden Frauen ist hochinteressant und im Lauf der Geschichte sehr missdeutet worden.
domradio.de: Bleiben wir mal bei Marta. Welche Rolle spielt sie, die ja an anderer Stelle eher als arbeitsam beschrieben wird, hier aber als die Glaubende gilt?
Sr. Simone Weber: Arbeitsam und glaubend scheint mir kein Gegensatz zu sein. Denn der glaubende Mensch ist sehr einsatzfreudig und auch einsatzfähig, weil er in sich ruht. Und weil er Begegnung mit dem Schatz in sich gemacht hat. Und, wenn man zurückschaut auf die letzten Tage, auch die Schönheit der kostbaren Perle geschaut hat beziehungsweise schaut.
domradio.de: Jetzt haben sie gerade eben gesagt, die Geschichte zwischen diesen beiden Frauen, Maria und Marta wird oft missgedeutet. Wie meinen sie das?
Sr. Simone Weber: Bei Lukas heißt es ja, dass Marta sich viel zu schaffen macht mit der Bedienung Jesu und der Jünger und so weiter. Und Maria saß zu Füßen Jesu und hörte ihm zu. Und dann kommt Marta und sagt zu Jesus: „Kannst du nicht der Maria sagen, sie soll mir ein bisschen helfen?“ Und dann sagt Jesus: „Maria hat den guten Teil der Welt, der soll ihr nicht genommen werden“. Und in der Geschichte der Spiritualität wurde das oft so ausgelegt, als ob das das Bessere wäre. Zum Beispiel Ordensleben ist besser als Familienleben. Oder innerhalb der Orden: Beschauliches Ordensleben ist besser als das nach außen tätige Ordensleben. Und das ist mit Sicherheit falsch. Jeder und jede hat ihre eigene Berufung, und nur das ist das Gute oder, wie Jesus hier gesagt hat, das Beste. Dass der Mensch diese Berufung, diesen Schatz in sich entdeckt und diesen Schatz lebt. Dass er seine eigene Sendung lebt und entdeckt und immer tiefer erkennt.
domradio.de: Das heißt auch, dass es kein Konkurrenzverhältnis ist zwischen Maria and Marta, wie man es auch vielleicht verstehen könnte.
Sr. Simone Weber: Genau. So sieht es in dem Text ja aus, wenn man den missdeutet. Dabei ist das etwas, das in jedem Menschen da ist. Einmal das Tätigsein für die anderen und auch das Gehen in das eigene Innere, um Gott dort zu treffen oder auch in der Gemeinde der Glaubenden.