28.7.2010
Auslegung des Evangeliums mit Sr. M. Simone Weber ADJC
Mt 13,44-46
domradio.de: Warum gräbt der Mann den Schatz, den er gerade gefunden hat, wieder ein?
Simone Weber: Das ist leicht zu verstehen, weil dieser Acker und der Schatz ihm nicht gehören. Aber er hat die Kostbarkeit dieses Schatzes erkannt. Dann heißt es ja so wunderschön: Voll Freude gab er alles auf, verkaufte alles, was er hatte, und erwarb diesen Acker. Das ist es, was in diesen zwei Versen vom Schatz und der Perle ganz deutlich wird: Das ist etwas, das fasziniert, was einen anzieht, wofür man gern vieles oder alles aufgibt. Hier heißt es ja: Verkaufte alles, was er hatte, und kaufte dann den Acker und damit auch den Schatz. Vor allem diesen Schatz im Acker. Es war damals üblich, dass Schätze vergraben wurden, wenn die Soldaten oder andere Banden brandschatzend durch die Lande zogen. Und manchmal lebten die Leute nicht mehr, die den Ort des Schatzes noch kannten. Und dieser Mann findet bei seiner ganz alltäglichen Arbeit diesen Schatz im Acker und ist voller Freude.
domradio.de: Dieser Schatz, der in der Predigt Jesu das Himmelreich symbolisiert, hat der etwas zu tun mit den klaren Konsequenzen, die die Menschen aus einer solchen Begegnung ziehen müssen?
Weber: Genau. Dieses heutige Evangelium zielt ganz besonders auf die Qualität der Begegnung zwischen Gott und Mensch ab. Uns Menschen wird in der Beziehung mit Gott ein großer Schatz geschenkt. Jesus verwendet dieses Bild für das Himmelreich oder Reich Gottes, auf griechisch ‚basileia'. An anderer Stelle sagt er: Das Reich Gottes ist in Eurer Mitte. Also ganz tief in Euch, Ihr müsst es nur suchen oder es wird Euch auch geschenkt, es liegt vor Euren Füßen, wie hier: Der Mann hat es ja gar nicht gesucht, er hat es gefunden. Später bei der Perle ist es so, dass der Mann auf die Suche ging, weil er schon etwas von dem Schatz wusste. Er geht und sucht und findet dann. Beide Perspektiven sind in unserem Leben wichtig. Wer sie gefunden hat, der gibt voll Freude alles hin. Es gibt immer Menschen, die für das Reich Gottes oder für die Beziehung zu Gott und den anderen alles andere hingeben.
domradio.de: Im Evangelium am Montag gab es auch ein Gleichnis zum Himmelreich in der Predigt Jesu. Wo liegt der Unterschied?
Weber: Einmal ging es ja um den Weizen und das Unkraut, also um die Unterscheidung. Beim Senfkorn und beim Sauerteig ging es mehr darum, dass Gottes Reich oder die Gottesbeziehung in sich die Kraft hat zu wachsen. Beim Sauerteig bedeutet das, die ganze Welt und das eigene Leben ganz zu durchdringen. In der heutigen Textstelle geht es mehr um diese Kostbarkeit, diesen Schatz, den ich entdecken kann und der in mir und in dieser Welt bereitliegt. Ich muss ihn eigentlich nur finden und heben.
domradio.de: Wie wertvoll muss denn die Botschaft Jesu für uns Menschen sein, damit wir auf andere ganz wichtige Dinge verzichten? Und warum passiert das in unserer heutigen modernen Gesellschaft, gerade in Europa, immer weniger?
Weber: Ich weiß gar nicht, ob das wirklich immer weniger passiert. Es treten zwar weniger Menschen in den Orden ein oder werden Priester, aber es gibt immer und überall, z.B. in der Ehe, Menschen, die für diesen Schatz alles einsetzen, ihr ganzes Leben. Bei den Ordensleuten und Priester ist es mehr nach außen sichtbar, aber es gibt es überall, dass der Mensch diese kostbare Perle der eigenen Berufung, der eigenen Sendung entdeckt und sich darauf einlässt und den Schatz lebt, also sich daran erfreut. Und dann beginnt diese Perle innerlich zu leuchten, wenn der Mensch die Kostbarkeit entdeckt. Finde den Schatz in Dir, und die Perle beginnt zu leuchten! Das zeichnet dieses Bild heute ganz besonders aus: Ein Schatz, den ich suche oder der mir einfach nur geschenkt wird. Jesus Christus ist auch dieser Schatz im Acker oder dieses Senfkorn in dieser Welt. Er hat diese ganz besondere Qualität der Beziehung, der Berufung und der Sendung in diese Welt gebracht hat - für jeden Einzelnen.