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39.2.2009

Diözesan-Caritasdirektor Hensel zur aktuellen Sterbehilfe-Debatte in Italien

„Es liegt nicht in unserer Hand“

Bild
  • Nimmt es mit der Moral nicht so genau: Silvio Berlusconi

    Nimmt es mit der Moral nicht so genau: Silvio Berlusconi (©ddp)

Der Streit um Sterbehilfe für die Italienerin Eluana Englaro hält an. Der Zustand der seit 17 Jahren im Koma liegenden Frau ist den behandelnden Ärzten zufolge am dritten Tag nach dem Abbruch der Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr stabil. Die italienische Regierung bringt nun ein Eilgesetz ins Parlament ein, das die Wiederaufnahme lebenserhaltender Maßnahmen erzwingen soll. Im domradio-Interivew erläutert Diözesan-Caritasdirektor Frank-Johannes Hensel, warum Christen einen Menschen nicht sterben lassen dürfen.

domradio: Im Eilverfahren will Italiens Ministerpräsident Berlusconi mit einem Gesetz den Abbruch einer künstlichen Ernährung verbieten. Wie beurteilen sie den Fall - also damit die Sterbehilfe?
Frank Johannes Hensel: Damit spitzt sich eine gesellschaftlich sehr strittige Frage zu. Und das gerade in einem Land wie Italien, in dem das Thema sonst gar nicht so angegangen wird wie in England oder Belgien. Einem Land, wo die Kirche noch eine viel tiefere Verwurzelung hat. Es ist immer sehr schwer, einen Einzelfall für sich selber besser zu beurteilen. Wir kommen im Grunde nicht zu einem Urteil, das Bestand hat, weil wir am Menschen urteilen. Das merken wir wieder bei dieser Angelegenheit. Wenn man aber bei Gott Maß nimmt und das Leben als Geschenk und Wert an sich nimmt, ohne fragen zu müssen, ob es uns noch lebenswert erscheint - dann darf man nicht zu dem Schluss kommen, dass man jetzt, dieses Leben auslöscht, weil man das Leid nicht mehr ertragen kann und will. Das ist ein aktiver Schritt, auch wenn er in diesem Fall als Rücknahme von einer im Nachhinein als lebensverlängernden Maßnahme erscheint.

domradio: Am Dienstag könnte der Gesetzesentwurf schon den Senat passieren. Berlusconi hätte damit das Leben dieser Frau gerettet. Viele fragen sich aber, ob es Berlusconi tatsächlich um die Patientin geht?
Hensel: Ob das politisch genutzt wird, kann ich nicht beurteilen. Ich sehe den individuellen Fall und es ist ja nicht das erste Mal, dass so ein lange währendes Wachkoma in der Öffentlichkeit diskutiert wird: das Umfeld ist schwer belastet und kann das Leid und das Mitleiden nicht mehr ertragen. Und der mutmaßliche Willen der Patientin ist nicht klar, weil damals erst einmal alle versucht haben, etwas zu erreichen und lange gehofft haben. Dann sinkt diese Hoffnung und stellt sich die Frage, ob das alles richtig war und wie lange das noch gehen soll. Aber das sind Fragen, die dann, wie ich meine, nicht mehr in unserer Hand liegen. Es ist jetzt dahin gekommen und jetzt wäre es kein „in Ruhe sterben lassen“ sondern ein Umbringen, wenn man sie verhungern lässt.

domradio: Papst Benedikt XVI. hat am Sonntag zum Nachdenken über „den Sinn und den Wert der Krankheit“ aufgerufen. Welchen Sinn und Wert kann Krankheit denn haben?
Hensel: Ich möchte das jetzt nicht überhöhen, so dass wir etwa daran läutern. Aber es ist wichtig zu sehen, dass es nicht in unserer Hand liegt und dass wir, wenn wir nun Werturteile zum Leben abgeben, nie ganz richtig liegen werden. Gott hat dieses Leben geschenkt, und Gott nimmt es. Er hat uns die Möglichkeiten gegeben, damit umzugehen. Nun ist es zu einem für das familiäre Umfeld schwer erträglichen stabilen Status gekommen. Die Patientin ist nicht sterbend, es geht also nicht um ein letztes Loslassen im Sterbevorgang, sondern es geht hier um ein aktives Herbeiführen des Sterbens und das macht für mich ganz klar den Unterschied. Und ich finde es richtig, dann zu sagen, „denkt darüber nach, was ist das mit einer Krankheit leben, könnt ihr euch ein Werturteil bilden, oder kann man daran auch Sinnfragen schärfen, also zum Beispiel den Wert des Lebens beurteilen.“

domradio: Der Vater der Wachkoma-Patientin kämpft seit fast zehn Jahren darum, sein Kind sterben zu lassen. Er will kein politisches Beben, das Italien spaltet. Er will lediglich, dass sein eigenes Leiden und das seiner 38jährigen Tochter ein Ende haben. Können sie das verstehen?
Hensel: Verstehen kann ich das, aber ich käme nicht zu dem gleichen Schluss. Aber ich kann das natürlich auch nicht aus einer persönlichen Betroffenheit heraus beurteilen. Ich hoffe, dass meine Haltung auch der Prüfung standhalten würde. Diesem Vater unterstelle ich keine schlechten Motive. Ich hoffe, dass ihm geholfen wird, dieses Schicksal weiter durchzutragen, ohne dem jetzt ein Ende bereiten zu wollen und zu müssen.

Audio Beitrag
  • Ein Interview mit Frank Johannes Hensel (Diözesan-Caritas-Direktor im Erzbistum Köln): Ich hoffe, dass dem Vater geholfen wird, dieses Schicksal weiter durchzutragen (9.2.2009)
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