Der Papst ist fort – Christus bleibt

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Der Papst ist fort, langsam kehrt der Alltag nicht nur in Erfurt wieder ein. Trotz aller Unkenrufe, die katholische Kirche würde nach dem Besuch wieder in ihre Lethargie und zelebrierte Betroffenheit zurückverfallen, war das Hochamt heute Morgen im Erfurter Dom übervoll. Es hatten sich wohl einige Papst-Pilger überlegt, den Sonntag dranzuhängen. Aber gut gefüllt ist der Dom an den Sonntagen eigentlich immer. Den Gottesdienst feierte mit uns Weihbischof Hauke als Pontifikalamt. Feierlicher Einzug mit Weihrauch (einige auswärtige ältere Damen begannen zu husten) zu gehaltvoller Orgelmusik und dem Eröffnungslied “Alles meinem Gott zu Ehren”. Der von Papst Benedikt XVI. gestern geschenkte Kelch wurde in diesem Gottesdienst gesegnet und erstmals in der Eucharistiefeier verwendet. Der Papst ist zwar physisch fort, die Gemeinschaft mit ihm jedoch bleibt.

Das heutige Evangelium war eine Steilvorlage für die Predigt des Weihbischofs, der diese auch gut zu nutzen verstand. Gott liebe auch die Menschen als seine Geschöpfe, die ihn zunächst ablehnen oder nicht an ihn glauben. Mit dieser Geduld müßten auch wir einander begegnen. Es sei eben momentan nicht besonders einfach – auch nicht nach der Wende – sich zur Kirche zu bekennen. Mit einer solchen Geduld müßten wir auch Ökumene betreiben und die Gemeinsamkeiten zwischen den Konfessionen betonen. Weihbischof Hauke zitierte die entsprechenden Passagen der von vielfacher Seite kritisierten Ansprache des Papstes im Erfurter Augustinerkloster. Und dann schnitt er noch ein weiteres, im Vorfeld vielfach diskutiertes Thema an, nämlich die Frage nach der Barmherzigkeit und Nachsicht im Umgang mit Menschen mit einem “gescheiterten Lebensentwurf”. Im Gespräch mit einem “Bischof” einer unierten Kirche, die die Segnung sogenannter “Zweitehen” betreibt, habe er diesem zugute gehalten, daß man es mit einem solchen Umgang durchaus einfacher habe. Doch dieser habe erwidert, daß die praktische Umsetzung auch nicht so einfach sei, wie man sich das vorstelle. Viele wollten nach der zweiten Chance auch noch eine dritte oder vierte, und die gebe es eben nicht. Das sei beim Sakrament der Versöhnung etwas ganz anderes: Gott verzeihe uns auch ein drittes und viertes Mal, wenn wir ehrlich und aufrichtigen Herzens einen Neuanfang wagten. Diese Form von Barmherzigkeit sei ein kostbares Geschenk.

Wenn ich an den Widerhall mancher medialen Berichterstattung auf die Ansprache des Papstes im Augustinerkloster denke und sogar in einem Kommentar der Frankfurter Rundschau (und natürlich auch im Kölner Stadtanzeiger) von einem “kaltschnäuzigen” Verhalten Benedikts die Rede ist, während Heiner Geißler (zum wievielten Mal eigentlich???) das Priestertum der Frau fordert, Uta Ranke-Heinemann der Star auf einer Anti-Papst-Demonstration in Berlin ist und bestimmte Kreise, die den Papst sonst stets ermahnen, das letzte Konzil nicht zu verraten, erwartet hatten, daß Benedikt sich eben über jenes hinwegsetzt, dann wird klar, daß es unser Papst mit seiner Botschaft trotz mancher Sympathie, die ihm entgegenschlägt, in deutschen und anderen westlichen Landen nicht einfach hat – und die Kirche auch nicht. Aber wie der Weihbischof heute Morgen schon sagte: Geduld hilft mehr als eine gute PR, die manch unbequeme Glaubensfrage doch ganz gerne unter den Teppich kehren möchte.

Wie “kaltschnäuzig” Benedikt tatsächlich auf manche Zeigenossen wirkt, dazu habe ich drei Episoden am Rande seines Erfurt-Besuchs erfahren:

Eine junge Katholikin aus dem Rheinland, die in Erfurt lebt und arbeitet, hat sich am Samstagmorgen, obwohl sie sonst sonntags die Kirche nicht von innen sieht und auch Probleme mit mancher vermeintlichen Lehrmeinung hat, auf den Weg zum Domplatz gemacht, um die Heilige Messe mit dem Papst zu feiern. Als Benedikt mit dem Papamobil ganz nah an ihr vorbeifuhr, schossen ihr die Tränen in die Augen. Bei einer solchen Schilderung mag ich nicht mehr an Oberflächlichkeit und Eventtourismus denken.

Eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung sagte mir auf einem Medienempfang, sie sei nicht getauft und gedenke auch nicht, sich taufen zu lassen. Aber als der Papst aus dem Flugzeug gestiegen und von der Ministerpräsidentin begrüßt worden sei, habe sie aufgrund der Herzlichkeit der Atmosphäre und der bedächtigen Bewegungen des gebrechlichen alten Mannes feuchte Augen bekommen.

Ein mit den Vorbereitungen und der Organisation des Papstbesuchs in Thüringen Betrauter hat es schwer in der katholischen Kirche, weil er zu den Menschen gehört, die einen “gescheiterten Lebensentwurf” in ihrer Biographie haben. Er sei sogar schon so weit gewesen, wegen der abweisenden Haltung eines Geistlichen die Konfession zu wechseln, wenn nicht ein anderer sich als barmherziger im Umgang gezeigt hätte (ich glaube nicht, daß es dabei um die Zulassung zur Hl. Kommunion ging). Nun wurde ihm zugesagt, eines seiner Kinder, das schwerkrank sei, vom Papst segnen zu lassen. Nach dem Abflug Benedikts aus Erfurt fragte ich ihn, was denn nun daraus geworden sei. Er schilderte mir überglücklich die Begegnung, die schöner ausgefallen sei als er sich das je erträumt hätte (auf Einzelheiten verzichte ich an dieser Stelle aus Diskretionsgründen). Nach der Geburt seiner Kinder sei das der schönste Tag in seinem Leben gewesen. Dafür hätte sich alles Leid (er sagte: “mein ganzes Leben”) gelohnt.

Man kann zu Papst Benedikt XVI. stehen wie man will, ihn in Artikeln und Kommentaren runterputzen oder beschimpfen. Menschen, die diesem Mann einmal persönlich begegnet sind, berichten meist ganz anders über ihn, der durch Bescheidenheit und Demut gleichermaßen besticht. Wenn ich daran denke, daß diese drei genannten Episoden sicherlich auch in ähnlicher Form an allen Orten, wo Benedikt hinkommt, stattfinden können, dann wird deutlich, daß dieser Papst nicht durch große Signale und Gesten wirkt, die von Presse, Rundfunk und Fernsehen wahrgenommen werden (dort hört man eh nur das Eine oder will es so hören). Nicht umsonst hat er sich mit Mißbrauchsopfern im kleinen Rahmen getroffen, nicht umsonst hat das eigentlich wichtige Gespräch mit den Vertretern der EKD unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattgefunden. So ist es natürlich nicht einfach, positive Dinge seines Wirkens medial groß darzustellen, weil das meiste davon im Verborgenen geschieht.

Papst Benedikt XVI. hat seinen Deutschlandbesuch – möglicherweise war es sein letzter – heute beendet. Was wird bleiben? Ich denke, daß liegt jetzt an uns Katholiken, die ja gerne dazu neigen, anstelle von Glaubensverkündigung sich in Struktur und Organisationsfragen festzubeißen (der “Deutsche” macht halt gerne). Ich würde vorschlagen, noch einmal in aller Ruhe alle Ansprachen Benedikts fernab jeder medialen Schlagzeile zu lesen und sich damit auseinanderzusetzen. Vor allem aber sich zu fragen: Wo habe ich heute meinen Glauben vernachlässigt oder ihn nicht ernst genug genommen? Und dann die wichtige Frage: “Wie finde ich einen gnädigen Gott?”

Über den Autor - Jan Hendrik Stens

Dass es furchtbar ist, wenn Rheinländer und Westfalen zusammen sind, habe ich irgendwo schon mal gehört. Aber meine kurkölsche Herkunft (Lippstadt als „Venedig Westfalens“ und - für Kölner besonders wichtig - Geburtsstadt Caspar Ulenbergs) lässt mir das rheinische Klima als recht angenehm erscheinen - und der einzige Westfale bin ich ja auch nicht. Nach Theologiestudium und dem der Kunstgeschichte trieb es mich zunächst in verschiedene Berufsbereiche und Wirkungsstätten, zuletzt in die Mitte Deutschlands, nach Erfurt. Seit Mitte April 2009 bin ich nun beim domradio gelandet und als Redakteur vor allem für den theologischen Bereich zuständig. Was und wofür ich besonders gerne lebe, sind mein Glaube, die Liturgie und die Musik - am besten natürlich die Kombination aus allen drei Dingen!
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5 Antworten auf Der Papst ist fort – Christus bleibt

  1. Sandra sagt:

    ich persönlich bin wirklich beeindruckt immernoch, wieviele Menschen sich versammelt haben um ihren Glauben beim Pabstbesuch zu feiern. In aller Öffentlichkeit zu beten, sich miteinander zu beschäftigen, zu reden und einfach zusammen zu sein.

    Das ist in der heutigen Zeit eher selten, dass verschiedene und wildfremde Menschen miteinander feiern und sich öffnen.

    Es hat mich sehr beeindruckt und ich finde es wirklich großartig, dass es inzwischen das Normalste von der Welt ist seinen Glauben zu feiern. Da ich aus dem damaligen Osten stamme, ist dies für mich lange Zeit nicht selbstverständlich gewesen.

    Ich wünschen alles Gute weiterhin.

  2. Diesen meinen Text können Sie nach Ihrem Belieben veröffentlichen.

  3. Es ist mir ein Anliegen, Ihnen ganz herzlich für Ihre vorzügliche – zudem nachlesbare und druckfertige – Übermittlung aller Predigten und Kurzansprachen sowie die bedeutenden Begegnungen unseres Papstes Benedikt XVI zu danken. Auch Ihre jeweiligen eigenen oder fremde Kommentierungen aus dem “Volk Gottes” sind interessant.
    “Ein Fels, der nicht wackelt” sprach mir aus dem Herzen, denn was ist “Barmherzigkeit”, wenn sie sich nicht aus der veritas des Wortes Gottes speist und zuerst dieses vermittelt?

  4. tradi.nl sagt:

    An dieser Stelle bedanke ich mich bei Jan Hendrik Stens persoenlich und beim domradio-team insgesamt recht herzlich fuer die vorbildliche, hervorragende Berichterstattung des Papstbesuches!

  5. Irene K. sagt:

    Vielen Dank für diese Zusammenfassung!
    Wir waren gestern in Freiburg und unsere 8 jährigeTochter hat heute früh ihre Pilgertüte in die Schultasche gepackt um sie allen zeigen zu können und morgen will sie Photos mitnehmen. Sie ist einfach nur begeistert, denn sie hat den Papst gesehen! :-)