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Papst Benedikt XVI.

16.9.2011

Die Diplomatie des Vatikans

Die sanfte Macht

Allein 100 Abgeordnete wollen den Auftritt von Benedikt XVI. im Bundestag boykottieren. Staat und Religion sollten getrennt werden, sagen sie. Doch der Papst ist nicht nur Religions-, sondern auch Staatsoberhaupt. Und die Vatikan-Diplomatie ist auch bei seinem Deutschlandbesuch aktiv, sagt der Politologe Andreas Sommeregger im domradio.de-Interview.

Der Vatikan: seit Jahrhunderten diplomatisch aktiv (©  )

Der Vatikan: seit Jahrhunderten diplomatisch aktiv

domradio.de: Wie funktioniert die Diplomatie des Staates der Vatikanstadt?
Sommeregger: Sie funktioniert seit Jahrhunderten zumindest sehr gut. Sie versucht, mit gewaltlosen Mitteln und Vernunft Frieden zu schaffen. Die katholische Kirche ist die einzige Religionsgemeinschaft, die über staatliche Strukturen verfügt und ein diplomatisches Netz unterhält. Der Heilige Stuhl - so die völkerrechtliche Bezeichnung, unter der der Papst auftritt - erfährt eine durch Tradition legitimierte Privilegierung. So ist der Nuntius in der Regel der Doyen des Diplomatischen Corps. Wenn man von den wirtschaftlichen und militärischen Fähigkeiten einmal absieht, hat der Heilige Stuhl also das Potential eines Staates, ohne die irdischen Interessen eines solchen zu stellen. So verzichtet er auf Gebietsansprüche oder auf die Beteiligung an einer Ressourcenverteilung; das macht ihn für herkömmliche Staaten interessant. Man kann also sagen: Der Heilige Stuhl ist ein kooperativer Partner für Frieden, Sicherheit und Entwicklung. Dabei fallen seine Neutralität, Diskretion und Unabhängigkeit auf. Was man auch nicht unerwähnt lassen sollte, ist, dass der Heilige Stuhl in seinem Handeln von den zahlreichen kirchlichen Organisationen unterstützt wird; ich denke hier etwa an Sant’Egidio, Pax Christi oder Caritas International.

domradio.de: Was ist das Ziel der vatikanischen Diplomatie?
Sommeregger: Der frühere Kardinalstaatssekretär Agostino Casaroli, der über Jahrzehnte die herausragende Persönlichkeit der päpstlichen Diplomatie war, hat drei primäre Ziele benannt: Die Diplomatie des Heiligen Stuhls ist darauf ausgerichtet, die Interessen der katholischen Kirche zu verfolgen, also das religiöse Leben zu fördern und die Heilsbotschaft zu verbreiten. Der Heilige Stuhl möchte darüber hinaus Frieden herstellen und bewahren. Dazu gehört für ihn auch, dass jeder Mensch ein menschenwürdiges Leben führen kann. Und schließlich ist es sein Ziel, internationale und supranationale Organisationen wie die UNO zu stärken.
Konkret bedeutet dies, dass sich der Heilige Stuhl auf zahlreichen Themenfeldern engagiert, ob in der Entwicklungshilfe und der Flüchtlingspolitik, bei Bildungsprogrammen oder Gesundheitsfürsorge. Er schafft Zugänge zu Nahrung und Wasser und fordert einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Umwelt. Der Heilige Stuhl beantwortet moralische und ethische Grundsatzfragen.

domradio.de: Woran sieht man denn, dass der Papst nicht nur religiöses Oberhaupt, sondern auch Staatsoberhaupt ist?
Sommeregger: Am deutlichsten wird dies natürlich am Vatikan, der ein Staat mit Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt ist, um einmal die drei klassischen Kriterien von Georg Jelinek zu nennen. Dass der Papst nicht nur ein religiöses Oberhaupt ist, sondern auch Politiker, wird an den zahlreichen Mitgliedschaften des Heiligen Stuhls bei internationalen Organisationen offensichtlich: Er hat einen Beobachterstatus bei der UNO, ist Vollmitglied bei der KSZE/OSZE und ist dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten.
Was bei den päpstlichen Reisen auffällt, ist, dass er wie ein Staatsoberhaupt empfangen wird, also von der Staatsspitze mit sämtlichen Ehren, obwohl jede Reise als religiöse Pilgerreise deklariert ist. Auch in den Medien werden die Reisen wie Staatsbesuche aufbereitet, so dass man hier gleichsam von der normativen Kraft des Faktischen sprechen kann. Interessant ist bei den Auftritten und Reisen des Papstes, dass die religiösen und politischen Interessen häufig ineinander übergehen. Ich nenne ein Beispiel: Als Johannes Paul II. nach Kuba gereist ist, geschah dies, um seine Gläubigen zu besuchen. Durch die Reise hat der Papst jedoch über die Hundertschaften von Journalisten, die ihn begleitet haben, der Welt gezeigt, unter welcher Not die Kubaner durch die Embargopolitik der USA leiden. Das hat einen gewissen Handlungsdruck auf die amerikanische Regierung ausgeübt, ihre Embargopolitik zu überdenken.

domradio.de: Welche Macht haben der Papst und sein diplomatischer Apparat überhaupt?
Sommeregger: Die Befehlsgewalt des Papstes liegt im freiwilligen Gehorsam der Gläubigen; er hat keine autoritative Gewalt wie beispielsweise die deutsche Bundesregierung. Aber er hat einen Einfluss, den sonst z. B. Intellektuelle haben: Seine Meinung zählt etwas, sie wird beachtet. Vor allem ist aber seine Soft Power zu nennen. Kurz zur Unterscheidung: Unter Hard Power wird militärische Macht und wirtschaftliche Stärke verstanden, unter Soft Power, dass jemand von seiner Umwelt als verlockend, anziehend und glaubwürdig wahrgenommen wird. Staaten, Organisationen oder Einzelpersonen profitieren von dieser Zuschreibung, wenn in der Folge Dritte ihren Idealen nacheifern oder ihr Handeln daran ausrichten. Der Heilige Stuhl hat Soft Power vor allem wegen seines Humanitätsideals: Alle Menschen sind gleich an Würde, und der Heilige Stuhl setzt sich für das Wohl aller Menschen ein, nicht nur für das von Katholiken. Seine Macht beruht aber auch auf den Aufgaben, die der Heilige Stuhl in den internationalen Beziehungen übernimmt: Er hat eine Art Führungsrolle unter den Religionsgemeinschaften übernommen. In Anbetracht der Tatsache, dass über zwei Drittel der Weltbevölkerung einer Religionsgemeinschaft angehört, ist dies eine bedeutende Aufgabe. In diesem Zusammenhang denke ich auch an die Weltgebetstreffen von Assisi. Außerdem ist der Heilige Stuhl prädestiniert dafür, globale Prozesse zu begleiten und Fragen zu beantworten, weil er seit jeher global ausgerichtet ist und sich nie nur auf das Geschehen im eigenen Land beschränkt hat. Als dritten Punkt möchte ich nennen, dass er in den letzten Jahrzehnten zu einer Schnittstelle transnationaler Kontakte geworden ist: Er ermöglicht für Staaten, Organisationen oder andere Religionsgemeinschaften Gespräche und stellt ein Forum zur Verfügung, in dem Kommunikation stattfinden kann. Wenn wir uns die gegenwärtige politische Weltlage ansehen, bin ich davon überzeugt, dass der Heilige Stuhl auch zu einem Vermittler zwischen der westlichen und der arabischen Welt werden kann.

Zur Person: Andreas Sommeregger hat ein Buch über die Diplomatie des Papstes geschrieben: "Soft Power und Religion - Der Heilige Stuhl in den internationalen Beziehungen" ist im VS Verlag für Sozialwissenschaften erschienen.

Das Gespräch führte Christian Schlegel.

( dr )