16.9.2011
Warum Papst Benedikt XVI. ausgerechnet ins Eichsfeld fährt
Geschulte Katholiken
Die Sache mit der Anrede ist damals schief gelaufen. Das ist Werner Henning immer noch ein wenig unangenehm. Immerhin ist er promovierter Germanist. Und vor der Wende, zu DDR-Zeiten, kamen die Leute in Heiligenstadt im Eichsfeld zu ihm, wenn eine Beschwerde an die Polizei geschrieben werden musste oder ein Briefwechsel mit dem Amt anstand. Damals hat er in dem katholischen Winkel Ostdeutschlands das Theodor-Storm-Museum aufgebaut und geleitet. Heute ist Henning für die CDU Landrat im Eichsfeld. Der 54-Jährige hat den Papst eingeladen - und jetzt kommt er.
Der Bauer gibt sein Weideland, der Metzger macht Würste für den Papst, die Bürgermeister lassen Straßen bauen. Und von den etwa 100.000 Eichsfeldern hat sich bislang rund die Hälfte angemeldet, erzählt der Regionalkoordinator für den Papstbesuch, Peter Kittel. Ein Gemeinschaftswerk. Der Landrat hat es mit ins Rollen gebracht.
"Hochverehrter Papst Benedikt XVI"
Henning war der erste, der den Papst angeschrieben hat. Das klingt vermessen, aber ganz falsch ist die Geschichte nicht. Als Beleg legt er den Brief in Kopie vor. Auf den 19. April 2005 ist er datiert, an dem Tag wurde Kardinal Joseph Ratzinger zum Papst gewählt. Das Schreiben sieht aus wie aus einer anderen Zeit. Auf Schreibmaschine getippt, mit einer Schrift-Type, die an eine Handschrift erinnert und irgendwann auch mal modern war.
"Hochverehrter Papst Benedikt XVI." heißt es darin. Das ist natürlich falsch. "Aber ehrlich, auf "Seine Heiligkeit" bin ich damals echt nicht gekommen", sagt Henning. Geschadet hat es nicht. Am 4. Mai 2005 kam schon Antwort aus dem vatikanischen Staatssekretariat. Eine Zusage für einen Besuch stand noch nicht drin. Aber das war egal.
"Religion ist bei uns im Eichsfeld unsere eigene Sache, die muss nicht groß von der Kirche vorangetrieben oder verwaltet werden", beschreibt Henning das Lebensgefühl. Die Säkularisierung rücke auch hier vor, aber doch deutlich langsamer als anderswo. Der Katholizismus ist durch Abwehrkämpfe geschult. Erst haben die Eichsfelder mit Hilfe der Jesuiten die Reformation abgewehrt. Noch heute schmückt das Christusmonogramm des Ordens viele Häuser. Rund 500 Jahre später war es das DDR-Regime, das die Katholiken bedrängt hat. Henning durfte nicht in die Oberschule. "Keine Jugendweihe, zu katholisch", lautete das Urteil. Er ging dann auf ein Musik-Internat in Wernigerode. Das gestatteten die Machthaber.
Henning begann, Gleichgesinnte zu sammeln
1989 war Henning Hauptredner auf den Montagsdemonstrationen im Eichsfeld. "Meist habe ich gar nicht politisch geredet, sondern über die Bergpredigt gesprochen", erinnert sich der Landrat. "Der Papst ist für uns in der DDR eine unangefochtene Institution gewesen." Deswegen musste er kommen. Der Lokalredakteur Ernst Beck, der in der DDR eine kleine christliche Zeitung aufrechterhalten hat, hat Henning 2005 auf die Idee gebracht "Hast Du dem Papst schon gratuliert?", fragte der rührige Journalist. "Und vergiss nicht, ihn einzuladen." Henning folgte dem Rat. Den Bischof hat er danach informiert. Im Kreistag hielten ihn einige für verrückt.
Henning begann, Gleichgesinnte zu sammeln. Am 11. Januar 2006 traf sich zum ersten Mal eine Art Verschwörerrunde für das Geheimprojekt Papstbesuch. Darunter Propst Heinz-Josef Durstewitz und die Bürgermeister Gerd Reinhard und Bernd Beck. Auch Dieter Althaus gehörte dazu, der Eichsfelder und CDU-Politiker, der damals Ministerpräsident in Erfurt war. Mit Althaus organisierte die Gruppe den zweiten Coup. Bei einer Privataudienz Ende Januar 2006 im Vatikan überbrachte der thüringische Regierungschef die offizielle Einladung des Landes - ins Eichsfeld. Damit war die Sache öffentlich. Fünf Jahre hat es dann noch gedauert. "Sollte ein Besuch möglich sein, wäre er Auszeichnung und Ermutigung zugleich", schrieb Henning in seinem ersten Brief.
( Volker Resing / kna )