25.9.2009
Vor der Tschechien-Reise des Papstes - Viele Geheimpriester landeten nach Wende im Abseits
Schatten der Vergangenheit
Davidek, in kommunistischer Zeit einer der exponiertesten Vertreter der tschechoslowakischen Untergrundkirche, fiel im Vatikan posthum in Ungnade. Unter den schwierigen Bedingungen der kommunistischen Kirchenverfolgung hatte der so charismatische wie exzentrische Bischof und Gründer der Gemeinschaft "Koinotes" unter anderen Frauen und verheiratete Männer für die Seelsorge geweiht. Schon unmittelbar nach seinem Tod 1988 machten Gerüchte über eine Schizophrenie die Runde - denen freilich Priester und Bischöfe, die ihn kannten, vehement entgegentraten.
Um die Gültigkeit von Davideks Bischofs- und Priesterweihen entspann sich eine jahrelange theologische Debatte. Der damalige Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, ordnete 1992 eine erneute Weihe "sub conditione" als Bedingung dafür an, dass die Betroffenen weiter als Seelsorger arbeiten konnten. Viele fanden so ein Auskommen bei den Unierten des byzantinischen Ritus, die verheiratete Priester zulassen. Bis heute allerdings lehnen in Tschechien und der Slowakei, so schätzen Experten, noch 50 bis 70 Priester der "Verborgenen Kirche" eine erneute Weihe ab.
Namen, passende und unpassende, hat die tschechoslowakische "Untergrundkirche" viele: "verborgene Kirche", "schweigende", "geheime", "inoffizielle", "illegale" Kirche. Ein Gesicht mit fest umrissenen Konturen hat sie dagegen nicht. Frühere Untergrundpriester wie der heutige Prager Kardinal Miloslav Vlk berichten von heimlichen Messen in Plattenbausiedlungen, über Hostien- und Bibelschmuggel und den schier aussichtslosen Kampf gegen einen allgegenwärtigen Spitzelapparat.
Aus der "Schattenwelt" zurück an die Oberfläche
Doch jenseits des oberflächlichen Affekts, mit dem sich das mediale Interesse solch exotischen Phänomenen nähert und bald wieder zu entfernen pflegt, ist wenig über die Geschichte und den Verbleib jener Gruppen bekannt, die sich als kirchliche Reserve unter staatlicher Repression verstanden. Tatsächlich war die Kirche in der Tschechoslowakei besonders scharf von kommunistischer Verfolgung betroffen. In den Jahrzehnten "im Untergrund" entwickelten einige Gruppen für ihr Überleben eine teils bizarre Eigendynamik und Methoden, die man unter normalen kirchlichen Verhältnissen als mindestens "ungewöhnlich" bezeichnen würde.
Erst nach dem politischen Wechsel 1989 konnten ihre Mitglieder aus der "Schattenwelt" zurück an die Oberfläche. Die Kirchenleitung forderte sie auf, einer erneuten, "bedingten" Weihe oder einem niedrigeren Weihegrad zuzustimmen. Die Betroffenen empfanden das als eine herabwürdigende sakramentale Nachbesserung - und die Zweifel an ihrer Rechtmäßigkeit als Verkennung ihres hohen Einsatzes. Viele, die unter Gefahr für Leib und Leben Kirche ermöglicht hatten, fühlten sich nun ein zweites Mal verfolgt.
Es gibt aber auch innere Gründe dafür, warum ein Teil des "Untergrunds" nach der Rückkehr an die "frische Luft" einer pluralistischen Gesellschaft an Gestaltungskraft verlor und von anderen Kräften abgelöst wurde. Es war dasselbe Phänomen, das auch für viele der Dissidenten zutraf, die nach 1989 für meist kurze Zeit an die Schaltstellen der jungen Republik rückten: das Festhalten an erprobten Verhaltensweisen aus dem Untergrund, die jedoch in der Freiheit nicht länger richtungweisend waren. In der "neuen Zeit" fanden sie nicht mehr rechtzeitig einen Platz.
( Alexander Brüggemann / kna )