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12.1.2010

Politiker und Kirchenvertreter drängen in Indien auf ein Ende

Kinderarbeit für deutsche Friedhöfe

Kinderarbeit in der Teppichproduktion - das ist vielen bekannt. Aber Kinderarbeit in Steinbrüchen? Jedes fünfte Grabmal in Nordrhein-Westfalen stammt aus Indien. Arbeitsminister Karl-Josef Laumann war auch deshalb jetzt vor Ort. Andreas Otto hat ihn begleitet.

Bild
  • ''Je größer die Kinder, desto größer der Hammer''

    "Je größer die Kinder, desto größer der Hammer" foto:Benjamin Pütter (©Misereor)

Diesmal haben die Kinder frei. Nicht von der Schule, sondern von der Arbeit im Steinbruch. Denn in den Minen nahe der Stadt Kota, die rund 600 Kilometer südlich von der indischen Hauptstadt Delhi liegt, wird offizieller Besuch aus Deutschland erwartet: Politiker, Kirchenvertreter und Journalisten. Die Besitzer der Steinbrüche in dem Bundesstaat Rajasthan wissen von der offiziellen Visite und haben alles dafür getan, damit ein Bild keinesfalls vor den Augen der Delegation auftaucht: Minderjährige Mädchen und Jungen, die mit Hammer und Meißel Sandstein-Bruchstücke zu Pflastersteinen verarbeiten.

Kinderarbeit in der Teppichproduktion - das ist vielen bekannt. Aber Kinderarbeit in Steinbrüchen? Jungen und Mädchen hauen gegen geringe Bezahlung nicht nur kleine Pflastersteine in Form. Menschenrechts- und Hilfsorganisationen beklagen, dass unter 14-Jährige mit vereinten Kräften bei sengender Hitze 45 Kilo schwere Presslufthammer bedienen und riesige Blöcke aus dem Fels brechen, aus denen etwa Küchenplatten oder Grabsteine produziert werden. Dass auf deutschen Friedhöfen indische Grabmale aus Kinderarbeit stehen, lässt Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) keine Ruhe. Deshalb die von ihm angeführte Reise nach Indien.

Jedes fünfte Grabmal in NRW stammt aus Indien
Der Politiker fühlt sich für die Problematik zuständig, weil in sein Ressort das Bestattungsgesetz des Landes fällt. Laumann geht - vorsichtig - davon aus, dass 20 Prozent der Grabmale in NRW aus Indien stammen. In dem asiatischen Land will er sich selbst ein Bild von der Produktion machen und bei indischen Politikern dafür werben, sich intensiv gegen ausbeuterische Kinderarbeit einzusetzen. Bei der Fahrt vorbei an tiefen Abbruchkratern und hohen Abraumhalden sind dennoch zwei Kinder mit Hammer und Meißel zu entdecken - und sie rennen sofort weg, als sie die Ausländer bemerken. Dennoch: Laumann, der SPD-Landtagsabgeordnete und Sozialausschuss-Vorsitzende Günter Garbrecht und die Kirchenvertreter bei der Landesregierung in Düsseldorf, Prälat Karl-Heinz Vogt und Rolf Krebs, bekommen bei ihrer am Dienstag beendeten Reise die Misere zu Gesicht.

Erwachsene zeigen ihnen, unter welch harten Bedingungen in den Steinbrüchen gearbeitet wird. Männer und auch Frauen hocken auf dem Boden. Mit Hilfe einer quadratischen Metallplatte zeichnen sie auf Bruchstücken die Ränder des Pflastersteins vor - um dann mit kräftigen Schlägen das Stück in Form zu bringen. Dieses landet in einer Holzkiste, die sich irgendwann in einem Baumarkt in Deutschland oder anderswo in Europa wiederfindet.

Fachleute wie Benjamin Pütter vom katholischen Entwicklungshilfswerk Misereor wissen um die Risiken dieser Arbeit. Die Menschen, die in Hütten direkt an den Minen leben, atmen ständig Steinstaub ein und ziehen sich eine Silikose zu - eine Staublunge. Wer schon als Baby in die Minen-Welt hineingeboren wird, hat laut Pütter eine Lebenserwartung von gerade mal 30 Jahren. Und wer mit 18 das Steineschlagen beginnt, komme vielleicht auf 40.

Der Kampf der Hilfsorganisationen
Dieser Kinderarbeit hat Pütter den Kampf angesagt. „Je größer die Jungen und Mädchen werden, desto größer wird der Hammer“, berichtet er. Vor acht Jahren gründete er die Organisation „XertifiX“ - und zwar auf Initiative deutscher Steinimporteure hin, die saubere Ware verkaufen wollen. Mit ihnen schließt „XertifiX“ nun einen Vertrag: Danach beziehen die Importeure nur von solchen indischen Exporteuren Steine, die auf Kinderarbeit verzichten. Mitarbeiter von „XertifiX“ dürfen bei den Unternehmen in insgesamt drei indischen Regionen jederzeit und unangekündigt Kontrollen durchführen. Rund um Kota lassen sich inzwischen 50 der 5.000 Betriebe auf die Finger schauen. Werden die Bedingungen eingehalten, gibt es für die Steine das „XertifiX“-Siegel, anhand dessen Verbraucher ein faires Produkt erkennen können.

Bei allem geht es „XertifiX“ und auch Misereor darum, dass die Kinder eine Schulbildung und damit eine berufliche Perspektive erhalten. Da ist zum Beispiel Chetan. Der Zwölfjährige hatte früher von morgens acht Uhr bis abends um fünf „Steine gemacht“. Nun geht er in die von Misereor unterstützte Schule der Organisation „NEG-Fire“ in Bodhpura. Diese wurde eingerichtet, um gerade Kastenlosen eine Chance zu geben, Schreiben und Rechnen zu lernen. Chetans Eltern ließen sich vom Konzept der Schule überzeugen und verzichten auf die 100 Rupien, die ihr Sohn täglich zusammenklopfte. Alles andere als selbstverständlich.

Bedeutung der Bildung
Minister Laumann versucht in Indien, Minenbesitzer von der Bedeutung der Bildung zu überzeugen und die Unternehmer für das Siegel zu gewinnen - ohne aber dabei den Zeigefinger zu heben. Gegenüber den Unternehmern führt er ökonomische Argumente ins Feld: Für Pflastersteine aus Kinderhand wie auf dem Kölner Heumarkt gebe es keine Akzeptanz in der Bevölkerung. Deshalb zahle sich langfristig eine Produktion aus, die auf Kinderarbeit gänzlich verzichtet.

Nach Deutschland zurückgekehrt, will er auch von anderer Seite das Thema aufgreifen. Kommunen sollen durch Ergänzung des Bestattungsgesetzes in den Satzungen ihrer Friedhöfe Grabmale aus Kinderhand verbieten können. Sollte die Initiative die politischen und juristischen Hürden überspringen, gäbe es in NRW für die 20 Prozent der Friedhöfe in kommunaler Trägerschaft neuen Handlungsspielraum. Bei den 80 Prozent der Friedhöfe in kirchlicher Trägerschaft sieht Laumann jetzt schon Möglichkeiten, per Satzung auf saubere Steine zu drängen. Die katholische Kirche ist dagegen skeptisch, ob sich ein solches Vorgehen mit dem Wettbewerbsrecht verträgt. Generell teilt sie aber wie die evangelische Kirche das Anliegen Laumanns. Die Vertreter beider Konfessionen betonen mit Nachdruck, sich für das Gütesiegel und faire Grabsteine einzusetzen.

(kna)

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