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Gary Lukas Albrecht Mittwoch,
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Gary Lukas Albrecht


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3.10.2009

Deutscher Tafeltag - Wissenschaftler kritisieren das Prinzip massiv

„Armutszeugnis der Sozialpolitik“

„Schwacher Sozialstaat - starke Bürgergesellschaft“ - unter diesem Motto steht am Samstag der dritte „Deutsche Tafeltag“. Die Bundesverband der mehr als 840 Tafeln lädt Freunde und Förderer zum Austausch in Berlin ein. Doch dem Loblied auf diese soziale Bewegung setzen Wissenschaftler jetzt ganz andere Töne entgegen.

Bild
  • Bedürftige versorgen sich bei der Ludwigshafener Tafel mit Lebensmitteln

    Bedürftige versorgen sich bei der Ludwigshafener Tafel mit Lebensmitteln (©ddp)

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„Der erste, meist lobende Blick auf Lebensmitteltafeln hat aus soziologischer Sicht nicht lange Bestand“, so beginnt ein jetzt erschienenes Buch „Tafeln in Deutschland“. Die rund 300 Seiten sind wissenschaftlich gehalten - und wirken wie ein Alarmruf. Es geht - bei allem Respekt vor den Helfern vor Ort - um „das Ende der Unschuld dieser sozialen Bewegung“.

Dabei wirkt die 1993 entstandene Tafelbewegung wie eine einzige Erfolgsgeschichte. Rund eine Million Menschen in Deutschland nutzen mittlerweile die tägliche Hilfe. Hunderte Kleintransporter, tausende ehrenamtliche und längst auch eine Reihe bezahlter Helfer bewegen Tag für Tag zig Tonnen an Nahrungsmitteln und anderen Gaben. Zugleich melden sich quer durch die Parteien Politiker bei Tafel-Terminen lobend zu Wort. Doch gerade deren Handeln - Sozialabbau und Deregulierung - sehen die Experten als Mitursachen des Tafelprinzips. Die Tafeln seien „Armutszeugnis der Sozialpolitik“.

„Gewöhnung an das Fehlen nachhaltiger Armutsbekämpfung“
Stefan Selke, Karlsruher Soziologe und Herausgeber des Buchs, spricht von einem geradezu unheimlichen Erfolg. Inzwischen gehörten Tafeln zur Normalausstattung des erodierten Wohlfahrtsstaates. „Die Gewöhnung an Tafeln ... bedeutet auch die Gewöhnung an das Fehlen nachhaltiger Armutsbekämpfung in der Gesellschaft.“

Der Marburger Armutsforscher Eckhard Rohrmann wird noch deutlicher: „An die Stelle gesetzlich garantierter sozialstaatlicher Armutsbekämpfung traten (solange der Vorrat reicht) private Hilfen, welche die Folgen von Armut etwas abmilderten.“ Die Politikwissenschaftlerin Luise Molling sieht die Tafeln als „Teil der neuen Regierung des Sozialen im neoliberalen Zeitalter“. Denn „im Gegensatz zum sozialstaatlichen Prinzip“ füge sich das Tafelprinzip „reibungslos in den wirtschaftlichen Kreislauf ein“.

Die Kritik gilt auch den Partnern, Ketten wie Lidl oder Aldi, Konzernen wie Continental oder Daimler-Chrysler. „Wenn die Supermarktketten immer weniger feste Arbeitsverhältnisse bieten oder nur noch Jobs auf 400-Euro-Basis, dann werden dort genau diejenigen prekären Arbeitsverhältnisse geschaffen, die andernorts Anlass zur Existenz der Tafeln geben“, meinte Selke.

Unternehmen können ihr Image aufpolieren
Der Münsteraner Ernährungswissenschaftler Konstantin von Normann meint, die Akzeptanz der Tafeln in der Wirtschaft sei auch deshalb so hoch, weil den Unternehmen kostenfrei bedeutender Zusatznutzen entstehe: Eine Zusammenarbeit wirke sich „äußerst positiv auf das Image“ aus. Und auch der Frankfurter Sozialwissenschaftler Jens Becker spricht von „willkommenen Objekten des 'social sponsoring', das Unternehmen betreiben, um ihr Image aufzupolieren“.

Rohrmann blickt auf die Unternehmensberatung McKinsey, die die Tafelbewegung ab 1995 förderte. Mit „extrem neoliberalen Positionen“ und als Verfechter strikter Deregulierung habe McKinsey maßgeblich „zur gesellschaftlichen Produktion von Arbeitslosigkeit und Armut“ beigetragen - und stelle dann hauptamtliche Kräfte frei, um die Tafelbewegung zu unterstützen. So wurde aus einer lokalen Initiative ein „straff organisiertes, effizientes bundesweites Netzwerk“.

Beitrag zur Verfestigung von Armut
Langfristig sehen die Experten die Tafeln als Beitrag zur Verfestigung von Armut. Das passt zum US-Vorbild. Denn wie so vieles kam die Idee aus den USA, einem Land ohne allzuviel Sozialstaat. Dagegen drängt Becker, wie diverse andere Autoren auf eine Politik der Armutsvermeidung und gesellschaftlichen Teilhabe.

Als vorläufiges Fazit mag ein Statement von Sabine Werth stehen, die
1993 in Berlin die erste Tafel gründete. Sie bezeichnet es als Fehler, so viele Tafeln in Deutschland zugelassen zu haben. „Heute frage ich mich, was sind das für Geister, die ich da rief.“

Hinweis: Stefan Selke (Hrsg.), „Tafeln in Deutschland. Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention“, Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden 2009, 300 S., 24,90 Euro.

(Christoph Strack / kna)

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