23.6.2009
An vorderster Front gegen Alzheimer
Einzigartiges Forschungszentrum in Bonn eröffnet
Die Diagnose klingt bedrohlich: Schon heute leiden in Deutschland mehr als eine Million Menschen an Demenzerkrankungen. In Bonn sollen künftig 400 internationale Wissenschaftler den bislang nicht heilbaren Krankheiten zuleibe rücken. Zuvor hatte sich Bonn gegen harte Konkurrenz durchgesetzt.
Bis zum Jahr 2040 werden Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson nach Herzkreislauferkrankungen und noch vor Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland sein, schätzt die Weltgesundheitsorganisation.
„Unser Gesundheitssystem ist noch nicht ausreichend auf diese Herausforderung vorbereitet“, sagt Medizinprofessor Pierluigi Nicotera. Der 53-jährige Toxikologe hat zuletzt an der englischen Universität Leicester über die Schädigung von Nervenzellen geforscht. Seit Dienstag steht der gebürtige Italiener an vorderster Front, um ein weltweit einzigartiges Projekt im Kampf gegen Demenzerkrankungen aufzubauen.
Denn Nicotera ist Gründungsdirektor des „Helmholtz-Zentrums Bonn - Deutsches Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen“ (DZNE) und damit Chef einer Großforschungseinrichtung, die Bonn zur ersten Adresse der Demenz- und Parkinsonforschung in Europa machen soll. Bundesforschungsministerin Annette Schavan, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (beide CDU) sowie Helmholtz-Präsident Jürgen Mlynek gaben den Startschuss für das Projekt, für das künftig jährlich Steuergelder bis zu 66 Millionen Euro bereitstehen.
Bonn hat sich gegen harte Konkurrenz aus Berlin, München, Tübingen, Göttingen und Heidelberg durchgesetzt. Die von der Bundesregierung eingesetzte Auswahlkommission hat dies insbesondere mit der Dichte an kooperationsfähigen Forschungseinrichtungen im Umfeld begründet.
Und damit, dass es dem Bonner Konzept in besonderer Weise gelinge, interessante Forschungsbefunde vom Labor bis zum Patienten zu bringen.
Aufbau eines nationalen Registers
Am Rhein sollen künftig 400 internationale Wissenschaftler den bislang nicht heilbaren Krankheiten zuleibe rücken und dabei Wissen aus den unterschiedlichsten Forschungsbereichen zusammentragen.
Geplant sind unter anderem der Aufbau eines nationalen Registers für Demenzerkrankungen, die Erarbeitung europäischer Diagnose- und Pflegestandards und der Aufbau eines Informationszentrums, das rund um die Uhr Ansprechpartner für pflegende Angehörige sein soll.
Für das Forschungsnetzwerk wurde eine Vielzahl von Forschungseinrichtungen aus dem gesamten Köln-Bonner Raum mit ins Boot geholt: unter anderem die Universitäten Bonn und Köln, die Uniklinik Bonn, das Max-Planck-Institut für Alternsforschung in Köln und die Forschungszentren Jülich und caesar in Bonn. Bundesweit soll das DZNE mit sieben weiteren Standorten zusammenarbeiten.
Therapien gegen Alzheimer oder Parkinson erwartet Gründungsdirektor Nicotera erst in Jahrzehnten. Doch bereits vorher erhofft er sich Fortschritte für Patienten von besseren Diagnose- und Früherkennungsverfahren. „Je früher Demenzerkrankungen erkannt werden, um so besser können heute verfügbare Medikamente den Krankheitsprozess verlangsamen“, sagt er.
Krankheiten verstehen
Neue Erkenntnisse verspricht sich der Mediziner auch von der sogenannten Helmholtz-Kohorte: 200.000 gesunde Bürger sollen über die nächsten zwanzig Jahre in eine groß angelegte Bevölkerungsstudie zur Erforschung häufiger chronischer Krankheiten eingebunden werden. Anhand dieser Daten lässt sich, so Nicotera, der Alterungsprozess von gesunden Menschen verfolgen. „Das hilft uns auch, altersbedingte Krankheiten besser zu verstehen.“
Auch wenn der Startschuss am Dienstag gefallen ist: Erst in fünf Jahren kann die Großforschungseinrichtung in voller Stärke arbeiten. Zunächst will Nicotera provisorisch mit 15 Mitarbeitern im Bonner Forschungszentrum Caesar beginnen. Der eigentliche Kern des Zentrums entsteht ab Anfang 2010 auf dem Bonner Venusberg. Auf dem Gelände des Universitätsklinikums werden bis 2012 drei Neubauten mit einer Grundfläche von 15.000 Quadratmetern geschaffen.
(Christoph Arens / kna)