22.4.2009
Sexualmediziner halten Sperrung von Kinderpornografie im Internet für richtigen Schritt
Traumatisierende Bilder
Das Internet gilt als größter Umschlagplatz für Kinderpornografie. Die Bundesregierung will dem mit einem neuen Gesetz entgegenwirken: Auf der Basis von Sperrlisten des Bundeskriminalamts werden nun alle großen Internet-Anbieter verpflichtet, den Zugang zu Kinderpornografie im Netz zu erschweren. Nach Ansicht von Fachleuten ist dies nur einer von mehreren wichtigen Schritten.
Bild
Verwandte Themen
Die Experten fordern zudem, Pädophile zu therapieren und so vom Konsum von Kinderpornos und vom Kindesmissbrauch abzubringen. „Wenn man Seiten mit Kinderpornografie sperren kann, soll man sie sperren“, sagt Hartmut Bosinski, Leiter der Sektion für Sexualmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Kiel. Die Nachfrage nach Bildern und anderen Darstellungen missbrauchter Kinder im Internet fördere das Angebot. Und Bosinski sieht noch eine weitere Gefahr: „Bei einigen Betrachtern der Kinderporno-Seiten entsteht der Wunsch, das, was sie in der Fantasie erlebt haben, auch real erleben zu wollen.“
Belegt wird diese Einschätzung von einer unveröffentlichten Studie US-amerikanischer Psychologen. Sie befragten 155 Strafgefangene, die wegen des Besitzes oder Verbreitens von Kinderpornografie verurteilt wurden. Bei 26 Prozent der Gefangenen war bereits vor der Studie auch ein Kindesmissbrauch bekannt. Bei der Befragung gaben aber 85 Prozent an, ein Kind missbraucht zu haben. Statt wie vor der Studie angenommen 75, hatten die Gefangenen ihren Angaben zufolge insgesamt
1.777 Kinder missbraucht.
„Pädophile nicht verteufeln“
Dennoch sei es falsch, Pädophile zu verteufeln, sagt Bosinski. In seinem Therapiezentrum in Kiel werden Pädophile ambulant behandelt. Ein Konzept, dass auch im Universitätsklinikum der Charité in Berlin angewendet wird. Bei der Behandlung Pädohpiler gelte der Grundsatz: „Sie können nichts für Ihre sexuelle Prägung. Aber Sie können etwas dafür, wie Sie mit ihr umgehen.“ Ziel der Mediziner ist es, Pädophile davon abzubringen, ihre Neigungen auszuleben.
Janina Neutze, Psychologin und Koordinatorin des Berliner „Dunkelfeld-Projektes“, in dem sich Pädophile therapieren lassen können, setzt beim Kampf gegen Kinderpornografie ebenfalls auf eine „Multistrategie“. Dazu gehöre neben der Sperrung von Seiten im Internet und therapeutischen Angeboten für Pädophile auch Aufklärung an Schulen. Neutze warnt davor, dass missbrauchte Kinder durch die Bilder, die unauslöschlich im Netz stehen, immer wieder neu traumatisiert werden.
Carmen Kerger, Pädagogin bei dem bundesweit agierenden Verein Dunkelziffer, bestätigt dies: „Die dauerhafte Existenz der Bilder bedeutet einen lebenslangen Missbrauch.“ Erwachsene, die als Kinder missbraucht wurden, wendeten sich an Dunkelziffer mit dem Wunsch, dass „ihre“ Bilder gefunden würden, um sie vernichten zu können. Manche wollten die Bilder auch als Beweis, damit ihnen jemand den Missbrauch glaube, berichtet die Pädagogin. Kerger beobachtet, dass „die kinderpornografischen Bilder immer brutaler, die missbrauchten Kinder immer jünger werden“.
(Christine Vaternahm / epd)