17.2.2009
Dr. Michael Winterhoff im domradio-Interview
Tyrannen müssen nicht sein
Zehnjährige, für die Respekt vor Erwachsenen ein Fremdwort ist - in der Praxis des Kinderpsychotherapeuten Dr. Michael Winterhoff ist das der Alltag. Mit gravierenden Folgen für die Kinder - denn die brauchen Grenzen und Regeln, damit sie sich gesund entwickeln können. In seinem neuen Buch: Tyrannen müssen nicht sein weist der Psychotherapeut Wege aus der Krise. Im domradio-Interview stellt er sie vor.
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- Ein Interview mit Michael Winterhoff (Jugendpsychologe und Buchautor): Über sein neues Buch "Tyrannen müssen nicht sein" - Teil 2 (15.2.2009)
- Ein Interview mit Michael Winterhoff (Jugendpsychologe und Buchautor): Über sein neues Buch "Tyrannen müssen nicht sein" - Teil 1 (15.2.2009)
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domradio: Woran liegt es, dass unsere Kinder Tyrannen werden?
Winterhoff: Wenn man es ganz weit aufzeigt, liegt es an gesellschaftlichen Veränderungen, die wir Erwachsenen zunehmend nicht mehr verkraften. Es fehlt uns Orientierung, Anerkennung und Sicherheit. Wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft, die nicht mehr positiv zukunftsweisend ist und wir werden jeden Tag konfrontiert mit Negativnachrichten. Das wirkt sich auf die Psyche des Erwachsenen aus - und das wiederum auf die Beziehung zum Kind. Immer mehr Erwachsene sind nicht mehr in der Position Erwachsener und das Kind gesehen als Kind, sondern es kommt zu Veränderungen. Der Erwachsene neigt heute dazu, schon kleine Kinder als Partner zu sehen. Damit herrscht die Vorstellung vor, dass man Überreden und begreiflich Machen erziehen könnte. Das Problem ist, dass sich Psyche bilden muss. Und das ist ein Prozess von 20 Jahren, und der kann sich nur bilden auf der Ebene Erwachsener Kind - und nur wenn der Erwachsene in der Intuition ist. Schon auf der Ebene, das Kind als Partner zu sehen, funktioniert es nicht. Diese Kinder haben später als Heranwachsende das Problem, dass ihnen psychische Funktionen wie Frustrationstoleranz, Arbeitshaltung, Sinn für Pünktlichkeit erkennen fehlen. Es ist zu weiteren Veränderungen gekommen - Mitte der Neunziger eher als Massenphänomen - dass immer mehr Erwachsene vom Kind geliebt werden wollen: die Projektion. Und seit 2000 sehe ich die Symbiose: Hier verschmilzt der Erwachsene unbewusst - das sind alles unbewusste Prozesse - mit dem Kind, wird quasi eins. Und damit hat das Kind in ihm quasi kein Gegenüber mehr, und damit ist eine psychische Reife nicht mehr gegeben. Diese Kinder bleiben auf einer Reifestufe stehen: 10 bis 16 Lebensmonate, damit sind sie nachher als Erwachsene nicht lebenstüchtig.
domradio: Eine ganz konkrete Situation, wenn ich zu meinem Kind sage: Räum auf. Reicht das?
Winterhoff: Nein, sie müssen es folgendermaßen sehen: Bei einer Reifeentwicklung würde ein Dreijähriges Kind erstmalig unterscheiden können zwischen sich und seinem Gegenüber. Dann haben Sie Einfluss auf das Verhalten des Kindes. Mit fünf Jahren liegt eine tiefe Beziehungsfähigkeit vor, das ist ein sehr entscheidendes Moment, die Kinder würden jetzt mehr oder weniger alles für die Mutter tun. Ein Fünfjähriger räumt für die Mutter auf oder deckt für sie den Tisch, später geht er für die Eltern in die Grundschule. Es geht um Beziehung. Und diese Beziehung kann sich nur bilden auf der Ebene Erwachsener - Kind. Wenn ich will, dass mein Kind sein Zimmer aufräumt, kann ich das durchaus erklären. Nur jetzt kommt der entscheidende Punkt: Sehe ich das Kind als Kind, weiß ich, dass es für mich aufräumt. Sehe ich das Kind als Partner, gehe ich davon aus, dass das Kind es verstanden hat, weil ich die Erklärung dafür gegeben habe. Und das ist ein Missverständnis.
domradio: Also müssen Kinder gar nicht alles verstehen?
Winterhoff: Nein, Kinder können ja auch vieles nicht verstehen, sie leben eher im Moment und sie brauchen Orientierung. Und diese Orientierung kann ich ihnen nur gebe, wenn ich sie auch als Kinder sehe. Dann ist auch klar, dass ich sie in vieler Weise anleiten muss. Also wenn sie das Aufräumen nehmen - ein Kind unter drei Jahren kann gar nicht aufräumen, sondern ich räume auf und das Kind begleitet mich dabei. Und dann zwischen drei und fünf kann das Kind unter Anleitung aufräumen. Und ab fünf kann man das Kind vorschicken: Räum schon mal auf. Aber ich komme wieder dazu und schaue mir das an. Es geht um ein Anleiten und ein ewiges Begleiten.
Und dann gibt es noch die Variante: Wenn Du das Zimmer nicht aufräumst, darfst Du eine Woche nicht fernsehen - was Michael Winterhoff davon hält: Hören Sie den zweiten Teil des domradio-Interviews.
(dr)