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Gary Lukas Albrecht Freitag,
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24.7.2008

Ethikrat berät erstmals gesamtgesellschaftliches Thema

Ernährung in allen Facetten

Erstmals befasst sich der Ethikrat an diesem Donnerstag mit einem gesamtgesellschaftlichen Thema jenseits von Biopolitik oder Medizinethik. Bei der öffentlichen Sitzung spricht das Ethikrat-Mitglied Eckhard Nagel über „Fragen der Ernährung in unserer Gesellschaft“. Im Interview spricht Nagel über Mangel- und Fehlernährung in reichen Staaten, Ernährung als Grundvoraussetzung globaler Entwicklung sowie der Einsatz von künstlicher Ernährung.

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  • Dicke Kinder: Fehl-Ernährung verbreitet sich

    Dicke Kinder: Fehl-Ernährung verbreitet sich

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  • Ein Interview mit Prof. Eckhard Nagel (Institut für Gesundheitswissenschaften): Ethikrat tagt zum Thema Ernährung (24.7.2008)
Links
  • Deutscher Ethikrat
  • Mitglieder des Deutschen Ethikrats

KNA: Herr Professor Nagel, welche Schwerpunkte werden Sie setzen?
Nagel: Ich werde drei Hauptthemen herausheben. Erstens „Mangel im Überfluss“: Die eklatante Häufung von Mangel- und Fehlernährung in gerade wirtschaftlich fortschrittlichen Regionen der Welt ist eine konkrete Bedrohung für die Gesundheit vieler Menschen. Es ist zu hinterfragen, welches die Ursachen der Zunahme zum Beispiel von Übergewicht und daraus resultierenden Krankheiten häufig schon im Jugendalter ist, wer die Verantwortung für diese Ursachen trägt und ob sich aus dieser Analyse Handlungsnotwendigkeiten ergeben, die verpflichtend sind.

KNA: Was ist das zweite Thema?
Nagel: „Ernährung als Grundvoraussetzung globaler Entwicklung“: Fast täglich hören wir über die Auswirkungen von Klimawandel, über Bevölkerungszunahme, wirtschaftliche Globalisierung und deren Folgen für die Ernährungssituation der Weltbevölkerung. Unschwer wird dabei deutlich, dass Fragen nach Verteilungsgerechtigkeit, gerechter Teilhabe, dem Menschenrecht auf Zugang zu adäquater Ernährung oder aber auch Verantwortung angesprochen sind, die sich eine Gesellschaft wie die unsrige stellen muss.

KNA: Trägt Deutschland ethische Verantwortung für die globale Ernährung?
Nagel: Wir tragen durchaus eine Verantwortung für die Ernährung in armen Ländern. Wie das konkret aussehen kann, wird momentan vielfach diskutiert, zum Beispiel von der FAO, den Vereinten Nationen oder auch der EU, gerade auch im Hinblick auf Import und Export von Nahrungsmitteln. Ein Land wie Deutschland trägt selbstverständlich Verantwortung, da es mit der Formulierung seiner Wünsche und Bedürfnisse Handlungen auslöst, die unter übergeordneten Gesichtspunkten eventuell ethisch nicht vertretbar sein können.

Darum liegt es auch im Interesse unseres Landes, die Zusammenhänge in diesem Bereich offenzulegen und gegebenenfalls notwendige Maßnahmen zu ergreifen.

KNA: Muss vor dem Hintergrund der Nahrungsmittelknappheit in großen Teilen der Erde die Frage nach dem Einsatz von Gentechnik in der Lebensmittelproduktion neu bewertet werden?
Nagel: Nahrungsmittelknappheit bedeutet Lebensgefährdung.
Lebensgefährdung fordert uns zum Handeln. Unter dieser Prämisse gilt es selbstverständlich, alle Möglichkeiten zu diskutieren, wie die Gefährdung konkreter menschlicher Existenz verhindert werden kann.

Sollte es sich herausstellen, dass Gentechnik, die zur Veränderung von Lebensmitteln eingesetzt wird, die prekäre Nahrungsmittelknappheit substanziell und langfristig auflösen kann, so muss selbstverständlich die Frage des Einsatzes der Gentechnik neu gestellt und eventuell neu bewertet werden. Gerade deshalb befasst sich auch der Deutsche Ethikrat mit diesen Fragen.

KNA: Und der dritte Schwerpunkt Ihres Referates beim Ethikrat?
Nagel: „Ernährung als Teil der menschlichen Basisversorgung“: Die moderne Entwicklung im Bereich der künstlichen Ernährung hat die menschlichen Grundbedürfnisse des Stillens von Hunger und Durst, gerade bei älteren und schwer kranken Menschen, in ein anderes Licht gerückt, in dem sich vielfältige ethische Fragen ergeben.

KNA: In der Sterbehilfe-Debatte kreist die Diskussion darum, ob und wann man künstliche Ernährung einstellen darf. Wie ist Ihre Position?
Nagel: Bei der sogenannten künstlichen Ernährung handelt es sich um solche, die mittels technischer Hilfe entweder über den Mund oder über die Vene gegeben wird. In beiden Fällen werden medikamentenähnliche Substrate eingesetzt, um ein bestehendes Ernährungsdefizit zu behandeln oder vor dem Eintreten einer Mangelernährung zu schützen. Unbestreitbar handelt es sich hier um eine therapeutische Handlung. Dazu bedarf es einer medizinischen Indikation, die ein Arzt stellen muss.

Künstliche Ernährung gehört nicht in den Bereich der mitmenschlichen Basisversorgung. Insofern ist unter dem Aspekt der ethischen Vertretbarkeit von Therapie, Reduktion und Therapieabbruch und der Maßgabe eines vertretbaren Sterbenlassens auch künstliche Ernährung zu reflektieren und gegebenenfalls einzustellen. Die Einstellung einer künstlichen Ernährung bedeutet in keinem Fall eine aktive Sterbehilfe, die ich vom Grundsatz her ablehne.

KNA: Wie kam es dazu, dass sich der Ethikrat mit dem Thema beschäftigt und damit ja - anders als bisher - ein über die reine Bioethik hinausgehendes Feld beackert?
Nagel: Die Frage, wo Medizin oder Bioethik beginnt und wo sie aufhört, ist nicht immer leicht zu beantworten. Das kann man sehr eindrücklich an den hier aufgeworfenen Fragen zum Thema ethischer Aspekte der Ernährung feststellen. Aspekte wie die gentechnologische Veränderung von Nahrungsmitteln, der Einsatz künstlicher Ernährung bei der Behandlung und Begleitung am Lebensende oder der Zusammenhang zwischen Zugang zur Ernährung und dem Würdeaspekt der menschlichen Existenz sind schon auf den ersten Blick Themen, die man im engeren Sinne der Bioethik zuordnen würde.

Darum war es naheliegend, sich übergeordnet mit dem Thema Ernährung zu beschäftigen. Und das ist der Grund, warum der Deutsche Ethikrat in seiner Debatte um Themen in den zukünftigen Schwerpunktsetzungen in den kommenden Jahren dieses Thema aufgegriffen hat. Ich bin mir sicher, dass gerade auch bei der Bearbeitung dieses Themas der enge Zusammenhang zwischen übergeordneten Fragen und Bioethik vielfältig zum Tragen kommt.

(kna)

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