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5.7.2008

Warum der Türkeiforscher Faruk Sen kaum noch Unterstützer in der Landespolitik hat

Direktor ohne politische Freunde

Es ist ein Skandal, der nicht nach den Standardregeln der politischen Aufregung abläuft. Längst hat sich der Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien, Faruk Sen, von seinem Vergleich zwischen Türken und Juden distanziert. Dennoch erscheint sein Abgang unausweichlich.

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  • Faruk Sen: Abschied

    Faruk Sen: Abschied (©ddp)

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Neue Vorwürfe gegen den 60-jährigen sind bislang nicht aufgetaucht. Ein Grund für den wohl unvermeintlichen Abgang dürfte Sens gewachsene Entfremdung von der nordrhein-westfälischen Landespolitik sein. Selbst Parteifreunde brechen keine Lanze für Sen, der Mitglied der SPD ist. „Ich sage dazu nichts vor der Kuratoriumssitzung am 18. Juli“, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Wolfram Kuschke. Er sitzt für die Sozialdemokraten im Kontrollorgan des Zentrums. Seit dem Jahr 2001 ist das Essener Zentrum eine Landesstiftung. Im Kuratorium sitzen Vertreter der vier im Landtag vertretenen Fraktionen.

Auf die SPD kann Sen nicht hoffen. Seit dem Jahr 2004 gilt das Verhältnis des Deutsch-Türken zu seiner Partei als schwer belastet. Damals tauchte Sens Name mitten im Kommunalwahlkampf auf einer Unterstützerliste für den damals amtierenden Gelsenkirchener CDU-Oberbürgermeister Oliver Wittke auf. Der heutige NRW-Bauminister Wittke verlor die Wahl gegen die SPD. Die Sozialdemokraten zeigten sich dennoch unversöhnlich gegenüber Sen, der nur knapp einem offiziellen Parteiausschlussverfahren entging.

Die stellvertretende nordrhein-westfälische SPD-Vorsitzende Britta Altenkamp, neben Kuschke ebenfalls SPD-Kuratoriumsmitglied beim ZfT, wurde im „Spiegel“ zu Sens Entlassung mit dem Satz zitiert: „Wir sind die wiederholten Alleingänge des Herrn Sen satt.“ Auch SPD-Landeschefin Hannelore Kraft soll ein eher unterkühltes Verhältnis zu dem Genossen haben.

Beurlaubt und entlassen
Sen hatte in einer türkischen Zeitung die Türken als „die neuen Juden Europas“ bezeichnet und die Situation der in Europa lebenden Türken mit der Lage der Juden im Vorkriegs-Europa verglichen. Der Vorstand des ZfT hatte den Direktor daraufhin von seiner Tätigkeit beurlaubt und entlassen. Seitdem kämpft Sen mit Klagen und Interviews gegen sein Ende als Sprachrohr der NRW-Migranten.

Am 18. Juli soll das politisch besetzte ZfT-Kuratorium Düsseldorf über Sens berufliches Schicksal entscheiden. Vorsitzender des Gremiums ist NRW-Integrationsminister Armin Laschet (CDU). In Interviews legte der oberste Migrationsexperte der Landesregierung dem ZfT-Chef bereits einen freiwilligen Rückzug nahe. Zugleich würdigte Laschet die Lebensleistung des Deutsch-Türken: „Er hat den Türken eine Stimme gegeben, als die Politik das alles noch verschlafen hat.“ In der heutigen Zeit allerdings werde das ZfT nicht mehr als Interessenvertreter der Türken gebraucht, sagte Laschet.

Bei den Christdemokraten in NRW hatte Sen noch nie viele Freunde. Der CDU-Politiker und NRW-Integrationsbeauftragte Thomas Kufen - neben Laschet Mitglied im kleinen Zirkel von Migrationspolitikern in der Landespartei - betrieb im ZfT-Vorstand den Beschluss gegen Sen.

Mit allen verscherzt
„Er hat es sich mit allen in der Landespolitik verscherzt“, sagt ein Parlamentarier über Sen. Polemische Pressemitteilungen, eitle Auftritte, hinzu kamen Verschwendungsvorwürfe gegen das ZfT - die allerdings vom Kuratorium in aller Form zurückgewiesen wurden. Der in Ankara geborene Ökonom und ZfT-Mitbegründer Sen wird von Politikern als „spontan-chaotisch“ beschrieben. Quer durch alle Parteien wünscht man sich nun einen ruhigeren, wissenschaftlicheren Chef an der Spitze des Essener Zentrums.

Besonders aktiv betreiben die Liberalen die Ablösung Sens. FDP-Generalsekretär Christian Lindner forderte als erster Landespolitiker offen einen Neuanfang beim ZfT. Die FDP-nahe Organisation Liberale Türkisch-Deutsche Vereinigung (LTD) hat ihre Mitglieder intern zur Suche nach einem Sen-Nachfolger aufgerufen.

Die Grünen haben sich noch nicht auf ihr Abstimmungsverhalten bei der Kuratoriumssitzung festgelegt. Für den Fall der Ablösung Sens wolle man einen ZfT-Chef „mit hoher wissenschaftlicher Reputation“, sagt der Grünen-Landtagsabgeordnete Ewald Groth. Wichtig sei auch, dass es „ein Mensch mit Migrationshintergrund“ werde. Dass es eine Mehrheit für Sens Abberufung geben wird, gilt angesichts der breiten Ablehnungsfront gegen Sen als sicher.

(Martin Teigeler / ddp)

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