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8.2.2008

Erdogan bemüht sich um Entspannung im deutsch-türkischen Verhältnis

„Die von Gott Erschaffenen zu lieben“

Der Kontrast hätte nicht größer sein können. Als Recep Tayyip Erdogan sich am Donnerstagnachmittag seinen seit Stunden ausharrenden Landsleuten am Unglücksort der Brandkatastrophe von Ludwigshafen zeigt, ist von andächtiger Trauer keine Spur. Erdogan wird begrüßt wie ein Popstar. Der türkische Ministerpräsident selbst aber mahnte seine Landsleute zu Ruhe und Mäßigung. Ebenso die Türkisch-Islamische Union Ditib.

Audio Beitrag
  • Ein Interview mit Hannele Jálonen (Integrationsbeauftragte Ludwigshafen): Erdogan besucht den Brandort in Ludwigshafen (7.2.2008)
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„Unsere Trauer soll eine stille Trauer sein“, sagt der Erdogan. In seiner Rede schlägt er fast poetische Töne an. Er ruft die Landsleute auf, „Botschafter einer Zivilisation des Friedens hier in Deutschland zu sein“. Die Menschen hätten unterschiedliche Sprachen und unterschiedliche Religionen, „aber wir dürfen nicht vergessen, dass uns eines eint: wir sind alle Menschen“, sagt Erdogan, während großer Beifall aufbrandet. „Unsere Zivilisation gebietet es, die von Gott Erschaffenen zu lieben, und in ihnen Gott selbst zu lieben.“

Erdogan ist sichtlich bemüht, das seit dem Brand durch Misstrauen und Spekulationen über einen ausländerfeindlich motivierten Anschlag getrübte Verhältnis zwischen Deutschen und Türken zu entspannen. Noch am Dienstag hatte er eine Delegation eigener Sicherheitsexperten aus der Türkei entsandt, die sich an der Ermittlungsarbeit beteiligen sollen. Damit hatte er nicht zuletzt selbst das Misstrauen seiner Landsleute gegenüber den deutschen Behörden geschürt. Auch hatte er eine Parallele zum Anschlag von Solingen im Jahr 1993 gezogen, bei dem fünf Türken bei einem rechtsextremistisch motivierten Brandanschlag auf ihr Wohnhaus starben.

„Freundschaft zwischen der Türkei und Deutschland“
Nun aber ruft Erdogan dazu auf, die „Freundschaft zwischen der Türkei und Deutschland“ zu stärken. Auch bedankt er sich „ganz herzlich“ bei den deutschen Einsatzkräften von Polizei und Feuerwehr. „Unser Schmerz ist groß, und wenn es das Engagement der Polizei und der Feuerwehr nicht gegeben hätte, wäre er noch größer“, sagt Erdogan. Zugleich betont er, dass die Türkei auf eine sorgfältige und rasche Aufklärung der Brandursache dringe. Die Ermittlungen würden in der Türkei genau beobachtet.

Zuvor hatte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD), der ebenfalls zum Brandort gekommen war, in einer emotionalen Rede den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl ausgedrückt. „Wir sind in Trauer vereint“, betonte er. Vor seiner Rede hatte Erdogan gemeinsam mit Beck und der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), eine halbe Minute in stiller Andacht vor dem Haus verharrt und der Opfer gedacht, während in der wartenden Menge rote Nelken in die Luft gehalten wurden.

Begleitet wird der Auftritt von großem Medieninteresse. Zahlreiche Kamerateams, davon etliche aus der Türkei, sind seit Tagen vor Ort und berichten detailliert. Auch an die Medienvertreter richtet Erdogan den Aufruf zur Mäßigung. Die Medien sollten auf reißerische Schlagzeilen „in großen Lettern auf ihrer ersten Seite“ verzichten: „Schreiben Sie nichts, was den Frieden dieser beiden Länder zerstören könnte“, sagt Erdogan.

Ditib ruft nach Brandkatastrophe zur Besonnenheit auf
Vor dem Hintergrund der Brandkatastrophe in Ludwigshafen hatte die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) am Donnerstag Besonnenheit gefordert. Man sei überzeugt, dass die deutschen Behörden „in alle Richtungen“ ermittelten, teilte die Ditib am Donnerstag in Köln mit. Eine Diskussion dürfe keinen Keil zwischen Muslime und Deutsche treiben. Das Essener Zentrum für Türkeistudien (ZfT) äußerte Unverständnis über Zweifel in türkischen Medien am rechtsstaatlichen Verfahren in Deutschland.

Die Zusammenarbeit deutscher und türkischer Ermittler werde die Angehörigen der Opfer beruhigen, so die Ditib. Sie solle nicht als Zeichen des Misstrauens gegenüber den zuständigen Behörden gewertet werden. Bei dem Brand am Sonntag waren neun Menschen türkischer Herkunft ums Leben gekommen. Die Ursache ist noch ungeklärt.

„Wunden von Mölln und Solingen reißen schnell auf“
ZfT-Direktor Faruk Sen nannte den von türkischen Medien erhobenen Vorwurf gegen die Ludwigshafener Feuerwehr, sie habe zu spät reagiert, „unverantwortlich“. Das vergifte das Klima zwischen Türken und Deutschen. Sen warb um Verständnis für Ängste in der türkischen Bevölkerung in Deutschland und der Türkei. „Die Wunden von Mölln und Solingen, wo türkische Bürger Brandanschlägen zum Opfer gefallen sind, reißen sehr schnell wieder auf.“

Vor diesem Hintergrund sei auch der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Ludwigshafen zu verstehen, so der Soziologe. „Die Deutschen sollten das Engagement der türkischen Politik keinem Generalverdacht aussetzen, die Bevölkerung in Deutschland spalten zu wollen.“ Der Besuch Erdogans sei zudem lange im Vorfeld geplant gewesen.

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