22.2.2012
Netzwerk katholischer Priester kritisiert Dialogprozess in der Kirche
Aufruf zum Gehorsam
domradio.de: Während in Österreich einige Pfarrer offen zum Ungehorsam gegen Rom aufrufen, haben hier in Deutschland Bischöfe und Laien einen Dialogprozess initiiert. Sieht das nicht mehr nach Eintracht als nach Spaltung aus?
Jolie: Das könnte man vordergründig so vermuten, ist aber im Grunde nicht der Fall. Der Dialogprozess ist in unseren Augen auch eher der etwas hilflose Versuch, diese tiefgehende Spaltung zu verwischen, nach dem Motto "Wir können über alles reden". Dabei wird dann nicht bedacht, dass es hier eigentlich um Dinge geht, die gar nicht zur Disposition stehen. Wenn die Pfarrer-Initiative die Priesterweihe der Frau fordert, dann steht man damit ja nicht mehr innerhalb der katholischen Kirche, man stellt sich damit ins Abseits. Und dann ist eigentlich nicht Dialog das Mittel, sondern erst einmal eine theologische Klärung über das, was katholisch ist.
domradio.de: Sie schreiben in Ihrer Erklärung, dass die "Pfarrer-Initiative" lediglich ein Symptom dafür sei, dass sich die Spaltung im deutschsprachigen Raum "unter den Augen der Bischöfe" längst vollzogen habe. Geben Sie den Bischöfen hier eine Mitschuld?
Jolie: Das Wort von der Spaltung in den Mund zu nehmen, ist natürlich eine heiße Sache. Spaltung wird sicher von keiner Seite betrieben, ganz bewusst. Aber die Erfahrung zeigt, dass, wenn bestimmte Differenzen, die bis in die Fundamente der katholischen Lehre reichen, wenn die Differenzen nicht ausgeräumt werden und wenn diejenigen, die Verantwortung haben für den Glauben, wenn die nicht irgendwann einschreiten und korrigierend eingreifen, dann ist eben die Gefahr einer Spaltung da. Das heißt, es ist eine zunehmende Polarisierung, und der Boden des gemeinsamen Glaubens wird verlassen. Und da ist dann schon unsere Bitte an die Bischöfe - mehr im Grunde dieser Hilferuf -, dass die Bischöfe als Wächter des Glaubens im Grunde gefragt sind, die Einheit dadurch wieder herzustellen, dass sie klarmachen, was katholisch ist, also was kann Inhalt eines Dialogprozesses in der Kirche sein und wo hat einfach jemand den Boden der kirchlichen Ordnung oder der kirchlichen Lehre verlassen. Das ist eigentlich unser Problem und unser Appell an die Bischöfe.
domradio.de: In Ihrer Erklärung heißt es auch, in der Vergangenheit sollen Sie immer wieder darauf hingewiesen haben, dass Priester, die sich an das geltende Recht der Kirche halten, vertrieben würden. Der öffentliche Eindruck ist hier eher umgekehrt, wenn ich an manche mediale Berichterstattung denke. Oder stimmen alle diese Berichte nicht?
Jolie: Sie müssen natürlich sehen, dass die Medien - und das domradio bildet sicher hier eine löbliche Ausnahme - eher dem Mainstream folgen, das heißt die Auffassung haben, die katholische Kirche müsste sich mehr anpassen, müsste offener werden. Man könnte es etwas plakativ sagen: sollte eigentlich protestantischer werden; also die Laien als Gemeindeleiter, Kommunion für alle. Unter der Hand ist es aber so, dass die Pfarrer, die sich an das geltende Recht halten, oft als "konservativ" hingestellt werden oder in der "rechten Ecke" stehen. Dann fragen wir uns eben: Jemand, der sich an seine Dienstordnung hält, an sein Weiheversprechen, wieso ist der "rechts", warum ist der "konservativ"? Und das erleben wir leider auch in den Gemeinden. Das Netzwerk ist ja deswegen gegründet worden, um Priestern beizustehen, die in Konflikt kommen mit der Basis, weil sie sich lediglich an das geltende Recht halten. Dr. Schüller, der diese Initiative in Österreich gestartet hat, sagt ja zu Recht: Das, was die Pfarrer-Initiative fordert, also Kommunion für alle usw., ist ja längst gängige Praxis in den allermeisten Gemeinden und das würde ich für Deutschland genauso sagen. Und ein Pfarrer, der dann aufsteht und sagt, das ist eigentlich nicht recht, das ist erstens gegen den Glauben und zweitens verträgt es sich auch nicht mit meinem Weiheversprechen, der kriegt die allergrößten Schwierigkeiten.
domradio.de: An den "Reformern" kritisieren Sie, diese würden sich ihre eigene Kirche aufbauen. Sind Abspaltungen nicht eher von solchen Kreisen wie der Piusbruderschaft zu erwarten, denen die katholische Kirche nicht konservativ genug ist?
Jolie: Da kann man wirklich nur sagen, die Extreme berühren sich. Am rechten Rand ist natürlich auch die Gefahr, sich von der Autorität des Papstes zumindest de facto loszusagen. Natürlich wird niemand das so bewusst sagen, aber natürlich ist das Priestertum der Frau eine klare Aufkündigung des katholischen Glaubens. Und das haben Sie an den beiden extremen Rändern, dort wie hier. Und wer den Boden des gemeinsamen Glaubens verlässt, bastelt sich eine eigene Kirche. Von daher sind wir in dieser Lage, dass am rechten und linken Rand solche Gruppierungen versuchen, selber zu definieren, was Kirche ist. Und wir beanspruchen für uns, in der Mitte zu stehen, weil wir sagen, wir machen nichts Extremes, nichts Übertriebenes, sondern wir wollen nur katholische Priester sein und wir wollen das leben und auch durchsetzen, was wir bei unserem Weiheversprechen in die Hände des Bischofs versprochen haben. Und dass man dann als "konservativ" gilt, das ist so absurd, als wenn Sie an einer roten Ampel stehen bleiben, alle anderen fahren drüber und Sie gelten dann als "rechtsradikal". Das ist einfach ein Unsinn, und der hat sich so breit gemacht, da könnte ich Ihnen eine ganze Reihe von Geschichten aus meiner täglichen pastoralen Arbeit erzählen, dass wir gedacht haben, es ist Zeit, auch diesen Weg über die Öffentlichkeit zu wählen.
domradio.de: Reformbedarf gibt es in der katholischen Kirche ohne Zweifel. Nur wie diese Reformen aussehen sollen, darüber wird gestritten. Wie sehen denn Ihrer Meinung nach die echten Reformen aus, die der Kirche wieder zu neuer Blüte verhelfen sollen?
Jolie: Der Papst ist ja da mutig vorangegangen. Er hat da auch klare Worte gesprochen bei seinem Besuch in Deutschland. Es geht um eine Reform der Liturgie durch die Wiederzulassung der Alten Messe zum Beispiel, dass der Papst gesagt hat, es müssen bestimmte Dinge wieder auf den Prüfstand. Das Zweite Vatikanische Konzil muss gedeutet werden im Licht der Tradition, das hat der Papst ja mehrfach gesagt. Also eine Erneuerung des Glaubens und eine Erneuerung - das darf nicht vergessen werden, das ist uns besonders wichtig - auch des sakramentalen Priestertums, dass der Pfarrer nicht ein Gemeindeangestellter ist oder ein Handlungsreisender in Sachen Sakramente, sondern der Papst hat ein Priesterjahr ausgerufen vor einiger Zeit, wo er gesagt hat, die Priester müssen ihre Hirtenaufgabe wahrnehmen. Sie sind die Letztverantwortlichen in den Gemeinden, sie sind Gott und dem Bischof gegenüber verantwortlich. Das wäre eine Reform, die den Namen verdient und dafür treten wir ein.
Das Interview führte Aurelia Plieschke.
Hintergrund
Das konservative "Netzwerk katholischer Priester" warnt vor einer Spaltung der katholischen Kirche im deutschsprachigen Raum. In einer am Wochenende in Koblenz veröffentlichten Erklärung kritisiert die Vereinigung zudem die Bischöfe, die zu wenig gegen einen "zunehmenden Ungehorsam" gegenüber dem Vatikan unternähmen. Insbesondere gebe es nicht genug Widerstand gegen die österreichische sogenannte "Pfarrer-Initiative", die offen zum Ungehorsam aufrufe.
Diese Initiative sei "ein weiteres trauriges Symptom für das faktische Schisma, das sich im deutschsprachigen Raum unter den Augen der Bischöfe längst vollzogen" habe, heißt es in der Stellungnahme. Dieses Schisma trenne "jene, die sich zur Lehre und Ordnung der Kirche bekennen, von jenen, die den Glauben der Kirche nur noch selektiv akzeptieren und auf dem Weg sind, sich eine eigene "Kirche" aufzubauen".
Das Priesternetzwerk weist die Forderungen der österreichischen "Pfarrer-Initiative" zurück und äußert sich "befremdet" über die Reaktionen jener Bischöfe, in deren Diözesen sich Pfarrer dieser Initiative angeschlossen haben. Bislang habe kein einziger Bischof die Mitglieder zum Widerruf aufgefordert. Stattdessen werde Verständnis signalisiert und beteuert, es werde selbstverständlich keine Sanktionen geben.
Insgesamt entstehe der Eindruck, "dass sich die Bischöfe scheuen, ein klares Wort zu sprechen, und lieber zusehen, wie der Papst als Hirte der Gesamtkirche in seiner Autorität untergraben" werde. Die gesamte Entwicklung lasse "Rückschlüsse auf die Geisteshaltung jener zu, die in den deutschsprachigen Diözesen Verantwortung tragen".
Das Priesternetzwerk habe in der Vergangenheit immer wieder auf Fälle hingewiesen, bei denen "Priester, die sich an das geltende Recht der Kirche halten, vertrieben wurden". In den deutschsprachigen Ländern würden stattdessen "Priester, die offen zum Ungehorsam aufrufen, von der Hierarchie hofiert". Wörtlich heißt es in der Erklärung weiter: "Wie tief sind wir gesunken, dass dieser Zustand bisher keinen Empörungsschrei verursacht hat?"
Abschließend fordert das Priesternetzwerk von den Bischöfen ein "entschiedenes Einschreiten gegen die zweifelhaften "Reformbemühungen" der "Pfarrer-Initiative"". Wer sich weiter "aufs Zuschauen verlegt, versündigt sich an der Einheit der Kirche. Die Zeit drängt."
Das konservative "Netzwerk katholischer Priester" hat nach eigenen Angaben etwa 500 Mitglieder und wurde 2001 in Frankfurt gegründet. Es will seinen Mitgliedern durch "mitbrüderlichen Austausch und durch Vernetzung von glaubenstreuen katholischen Geistlichen" Hilfestellung bieten.
In Österreich hatte im Juni 2011 eine Gruppe von Klerikern um den früheren Wiener Generalvikar Helmut Schüller zu "Ungehorsam" gegen Rom aufgerufen. Die "Pfarrer-Initiative" forderte die Kommunion auch für wiederverheiratete Geschiedene, Mitglieder anderer Kirchen und Ausgetretene. Zudem setzt sich die Initiative unter anderem für eine Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt ein. (kna)