27.1.2012
Reich-Ranicki erinnert im Bundestag an Schicksal der Warschauer Juden
Als Zeitzeuge, nicht als Historiker
Das Warschauer Ghetto wurde durch die SS ab dem 22. Juli 1942 schrittweise aufgelöst und die Bewohner in Vernichtungslager geschickt, vor allem in das Konzentrationslager Treblinka. Der 91-Jährige Reich-Ranicki wuchs in einer deutsch-polnischen jüdischen Familie auf und überlebte die Gefangenschaft im Warschauer Ghetto.
Eröffnet wurde die Gedenkstunde im Beisein von Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, Bunderatspräsident Horst Seehofer und Bundesverfassungsgerichtspräsident Prof. Dr. Andreas Voßkuhle mit Frédéric Chopin: Prof. Dr. Jascha Nemtsov am Klavier und Prof. Dr. Kolja Blacher auf der Violine spielten das Nocturne in cis-Moll. Der polnische Pianist und Komponist Wladyslaw Szpilman hatte dieses Stück im polnischen Rundfunk gespielt, als dieser seine Sendung wegen des Angriffs deutscher Truppen auf Warschau unterbrach. Darauf machte Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert zu Beginn der Gedenkstunde aufmerksam. Mit demselben Stück - abermals gespielt von Szpilman - nahm der polnische Rundfunk seine Sendungen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf.
Ein Schicksal stellvertretend für Millionen
Stellvertretend für viele Gäste, insbesondere Überlebende und Vertreter von Opfergruppen begrüßte Lammert Detlev Hosenfeld, dessen Vater, der Wehrmachtshauptmann Wilhelm Hosenfeld, seit 1940 in Polen NS-Opfer versteckte, darunter den Pianisten Szpilman.
Lammert erinnerte daran, dass Reich-Ranicki im Januar 1943 mit seiner Frau ebenfalls deportiert werden sollte, sich jedoch "in letzter Sekunde" retten konnte und sich anderthalb Jahre versteckte. Sein Schicksal stehe stellvertretend für das von Millionen Menschen.
Gedenken an die Opfer
"All jener, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ausgegrenzt, gedemütigt, beraubt, vertrieben, verfolgt, gefoltert und ermordet wurden, gedenken wir heute, am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz", sage der Bundestagspräsident. "Wir gedenken der Juden, der Sinti und Roma, der Homosexuellen, der Menschen mit Behinderungen, der Kranken, der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der Künstler und Wissenschaftler, die aus rassistischen, politischen oder religiösen Motiven Verfolgten. Wir erinnern auch an diejenigen, die schikaniert, inhaftiert, gefoltert und ermordet wurden, weil sie Widerstand leisteten oder verfolgten Menschen Schutz und Hilfe gewährten."
"Frei und gleich und ohne Angst leben"
In seinen einleitenden Worten sprach er auch die sogenannte Wannsee-Konferenz an, bei der der Holocaust an sechs Millionen Menschen beschlossen und der "systematische Ablauf und die perfiden Details für den industriell-perfektionierten Völkermord" besprochen worden seien. Die Konferenz jährte sich am 20. Januar zum 70. Mal. Heute sei das Haus der Wannsee-Konferenz einer der vielen Orte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, "die uns mahnen, uns dafür einzusetzen, dass in Deutschland alle Menschen frei und gleich und ohne Angst leben können. Das ist unser Ziel", unterstrich Lammert. Die vergangenen Wochen und Monate mit der Aufdeckung einer beispiellosen Mordserie hätten allerdings vor Augen geführt, dass "wir dieses Ziel noch nicht erreicht haben".
"Menschen, die Mut machen"
"Da sind Einzelne, Vereine, ganz Dörfer, da sind Menschen, die den Rechtsextremen, die durch ihre Städte marschieren wollen, immer wieder entgegentreten und zeigen: Wir dulden eure Diffamierungen, eure Gewalt, euren Hass nicht, schon gar nicht eure Gewalt. Es sind Menschen, die Zivilcourage beweisen, die nicht wegsehen, Diskriminierungen nicht unwidersprochen stehen lassen. Es sind Menschen, die ein Beispiel geben, die Mut machen", sagte der Bundestagspräsident. Lammert verwies auf den jüngsten Expertenbericht zum Antisemitismus in Deutschland, wonach es hierzulande einen latenten Antisemitismus von 20 Prozent der Bevölkerung gebe. "Das ist für Deutschland genau 20 Prozent zu viel", sagte er unter Beifall.
Den Gastredner würdigte Lammert mit den Worten: "Ihnen und all jenen, die ihre erschütternden Erfahrungen aufgeschrieben haben und mit uns teilen, verdanken wir nicht nur Texte; ihre Bücher sind Erinnerungen, die bleiben, auch und gerade für nachfolgende Generationen. Und es sind Erinnerungen, aus denen wir als immerwährenden Auftrag gelernt haben." Die Gedenkstunde schloss mit dem Andantino aus der Sonate für Violine und Klavier Nr. 3, opus 37, des polnisch-jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg, vorgetragen von Jascha Nemtsov und Kolja Blacher.
( dapd / epd / Bundestag )