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1.8.2011

Ein Pfarrer erinnert sich an den Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren

"Abhauen kam nicht in Frage"

Mit dem Bau der Mauer in Berlin am 13. August 1961 ist die Teilung Deutschlands endgültig besiegelt. Nur wenige Wochen zuvor weiht im Westen der Stadt Julius Kardinal Döpfner Johannes Magiera zum Priester. Obwohl er seinen Bruder im Westen nicht besuchen darf, kommt für ihn eine Flucht niemals in Frage.

Johannes Magiera (© Bistum Görlitz )

Johannes Magiera (© Bistum Görlitz)

Schon 1961 ist die St. Ludwigskirche etwas Besonderes: Der Kirchbau im Stil der norddeutschen Backsteingotik steht frei, von allen Himmelsrichtungen aus einsehbar. Für die meisten katholischen Gotteshäuser, die im späten 19. Jahrhundert in Berlin entstehen, ist nicht mehr viel Platz in der immer dichter bebauten Millionenstadt, Gemeinden können sich in der Regel nur noch Grundstücke in Straßenfluchten leisten. St. Ludwig unweit des Kurfürstendamms ist das Zentrum von Wilmersdorf im Westen der Stadt. Ein Zentrum des Glaubens, möglich gemacht durch Spenden.

Eigentlich soll Johannes Magiera woanders seine Weihe empfangen. In Neuzelle an der Oder, dort ist auch sein Priesterseminar. Doch kurzfristig müssen sich er und sein Mit-Kandidat nach einem anderen Ort umschauen. Ihr zuständiger Bischof im Bistum Görlitz, Kapitularvikar Ferdinand Piontek, bittet sie 82-jährig darum. Die beiden entscheiden sich für die Kirche in Wilmersdorf. Auch damit es die Verwandten aus dem Westen Deutschlands nicht zu weit zu der Feier haben. Und keine Einreisepapiere benötigen.

Und dann kommt die Mauer doch
Am 29. Juni weiht der damalige Berliner Erzbischof, Julis Kardinal Döpfner, in der St. Ludwigskirche Johannes Magiera zum Priester. Noch vier Tage vorher versichert der Staatsratsvorsitzende der DDR Walter Ulbricht vor Journalisten der ganzen Welt: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!" Immer mehr Menschen verlassen in diesen Tagen den sozialistischen Staat. Dass etwas passieren muss, ist allen klar. Auch dem Jungpriester. Doch mit dem, was sechs Wochen später kommt, rechnet er nicht.

Ab dem 13. August entsteht eine 160 km lange militärisch gesicherte Grenze um West-Berlin, aus der später die weltbekannte "Berliner Mauer" werden soll. Sie spaltet die Stadt, trennt Freunde, Nachbarn und Familien. Auch die von Johannes Magiera. Sein älterer Bruder lebt tief im Westen Deutschlands, in Mühlheim an der Ruhr. Ihn will er nach seiner Primiz besuchen - und darf nicht. Der Staat verweigert die Reisegenehmigung.

"Ein Priester weniger wäre der DDR durchaus lieb gewesen"
Der gebürtige Breslauer überlegt kurz, ob er sich dennoch auf den Weg macht. Aber weiß: eine Rückkehr in den Osten wäre dann nicht mehr möglich. Und das kommt nicht in Frage. "Wir sind ja hier als Priester geweiht worden, hier müssen wir für die Leute da sein", erinnert sich Magiera 50 Jahre später im Interview mit domradio.de an seine Gedanken als 26-Jähriger: "Die hätten uns schon gerne abgeschoben." Ein Priester weniger wäre der DDR durchaus lieb gewesen, ist er sich sicher.

Magiera bleibt in Berlin. Hier verbringt er die vier Urlaubswochen, die ihm zustehen. Von hier aus bricht er Anfang August zu seiner ersten Stelle auf, einer Ferienvertretung am Oderbruch in Brandenburg an der Grenze zu Polen. An seinem zweiten Sonntag dort kommen die Leute nach dem Gottesdienst und erklären ihm: "Berlin ist abgesperrt!" Der Pfarrer, den er damals vertritt, ist gerade in West-Berlin. Auf einmal ist fraglich, wie lange die Vertretung dauern wird. Lässt die DDR den Geistlichen zurück? Sie lässt ihn. Johannes Magiera zieht weiter und wird Kaplan in Forst an der Neiße, danach Pfarrer.

Als Katholik in einem Boot
Immer spricht er in diesen Jahren auch mit Menschen, die weg, die DDR hinter sich lassen wollen. Doch insgesamt fühlt sich der Geistliche als Katholik in einem Boot, "auf dem man zwar eng zusammenrücken muss, doch sich nicht nur bedrängt, sondern auch als Notgemeinschaft fühlt". Mit Betonung auf Gemeinschaft. Und er ist Teil einer Gruppe, die als "Garant der Freiheit" angesehen wird. Ihm vertrauen auch Menschen, die sonst mit der Kirche nichts zu tun haben wollen, Geheimnisse an. Eben weil er Priester ist.

Erst 1987 darf er zum ersten Mal wieder in den Westen, sein Bruder wird in diesem 60 Jahre alt. In den zurückliegenden Jahren halten die beiden - wie Millionen andere Deutsche - Kontakt per Brief und Telefon. Über den Fall der Mauer zwei Jahre später sagt der Pfarrer heute: "Ein überwältigendes Erlebnis!" Seitdem ist er immer wieder im früher unzugänglichen Teil Deutschlands und in Werst-Berlin. Hier bleibt die St. Ludwigskirche für ihn etwas Besonderes.

( Michael Borgers / dr )