18.5.2011
Kunstförderer Mennekes zieht zum Abschied nach 21 Jahren Bilanz
"Die Kirche traut der Kunst nicht, weil sie innovativ ist"
KNA: Pater Mennekes, Sie verabschieden sich nach 21 Jahren aus Köln. Hat die Kirche in dieser Zeit gelernt, die zeitgenössische Kunst zu lieben?
Mennekes: Sie hat es nicht in ihrer Breite gelernt. Aber die Atmosphäre hat sich verändert. Die Position des Religiösen und der Kunst in der Gesellschaft hat sich erweitert, so dass der Antagonismus von vor 30 Jahren nicht mehr so besteht.
KNA: Sind die Gemeinden offen für moderne Kunst?
Mennekes: Nein. Sehen Sie nur, was in Altarräumen hängt: Blümchen, Deckchen, ein Gemisch von Sitzmöbeln - jedenfalls keine Kunst. Die Kirchenräume sind viel zu voll gehängt. So flieht die Kirche vor sich selbst und ihrem mystischen Kern. Sie ist unbeweglich hinter den Mauern ihres Gettos. Reden wir nicht drumherum: Die Kirche bricht zusammen, und durch die finanziellen Probleme wird es endlich offenbar.
Was die Künstler betrifft: Es gibt keinen wirklichen Umgang der Kirche mit Künstlern. Wo das geschieht, handelt es sich um Ausnahmen. Grund dafür sind Ängstlichkeiten. Man traut der Kunst nicht, weil sie so innovativ und ungewöhnlich ist. Man hätte gern eine gemalte Auferstehung, einen Christus, eine Maria. Aber das macht kein Künstler auf Bestellung. Also holt man sich Nicht-Künstler, die nicht innovativ sind.
KNA: Sie suchen in zeitgenössischer Kunst bewusst keine christlich-theologische Botschaft. Was können die Werke Christen dennoch sagen?
Mennekes: Die christliche Botschaft ist nur in der Predigt zu suchen, in der Theologie, auch in der eigenen Persönlichkeit. Die Kunst aber ist das Alter Ego, das andere Ich der Religion. Das Entscheidende in der Beziehung zwischen Kunst und Religion ist, dass die Kunst den Menschen zu sehen lehrt. Das braucht die Theologie mehr als alles andere. Durch neues Sehen und Hören kann sie viel lernen. Unsere Kirchen aber ersticken in der eigenen kulturellen Ohnmacht und Faulheit. Es geht keine Fantasie mehr von ihnen aus, keine Geistigkeit, die die Menschen über Jahrhunderte angezogen hat. Die Kirche ist out. Nicht weil sie ausgestoßen ist, sondern weil sie sich zurückgezogen hat.
KNA: Als junger Seelsorger waren Sie in einem Frankfurter Arbeiterviertel sozial tätig. In Köln haben Sie eine gut situierte Schicht bedient. Passt das?
Mennekes: Ich komme aus dem Ruhrgebiet, aus einer Bergarbeitersiedlung und vom Abendgymnasium. Die Kunst hat mich selbst erst spät ergriffen. Das geschah in der Jugendseelsorge, wo wir etwa ein Zirkuszelt genutzt haben. Da entdeckte ich meinen Hang zur Kreativität. Dann schickte mich der Orden in die City von Köln, und ich fragte mich: Wie gehe ich Köln missionarisch an? Die Herausforderung war weit größer als Frankfurt. Hier hat die Kunst einen hohen Stellenwert.
KNA: Ist Ästhetik also der Weg, um kirchenferne Großstädter für das Religiöse anzusprechen?
Mennekes: Mir wird gern vorgeworfen, dass ich die Kunst benutze, um zu missionieren. Das tue ich nicht. Es kann nicht Aufgabe eines Priesters sein, ein Kulturzentrum zu eröffnen. Es muss ein sakrales Zentrum sein. Und das sollte der Priester in den Bildern und ästhetischen Ansätzen seiner Zeit gestalten. Die Kirche hat diese kommunikative Kompetenz verloren.
Die Hälfte der Kinder, die in meiner Gemeinde getauft wurden, wären in anderen Pfarreien nicht getauft worden. Warum? Weil dort nicht mit den Eltern in ihrer Ästhetik kommuniziert wird. Das ist desaströs. Denn das Bedrängende der neuen Kunst, Musik und Literatur kann einen leichten Transfer zum Religiösen verschaffen.
KNA: Vermitteln Sie als katholischer Priester allgemein religiöse Fragen oder die christliche Botschaft?
Mennekes: Über meine katholische Identität habe ich nie den geringsten Zweifel gelassen. Da bin ich fast eine rechte Socke. Im Grunde sind wir hier in Sankt Peter eine Missionsstation - nicht im Dschungel von Uganda, sondern im Dschungel von Köln.
KNA: Sie legen großen Wert auf Ästhetik - in der Liturgie und in der Gestaltung des Kirchenraums. Was hat das mit Jesus zu tun?
Mennekes: Eine Gemeinde braucht eine Sprache und eine ästhetisch-kultische Form, damit das Christliche überhaupt verstanden wird. Unser Gottesbild von der Dreifaltigkeit aus Vater, Sohn und Heiligem Geist hat viel Ästhetik.
KNA: Aber Jesus ging es vor allem um Ausgestoßene und Entrechtete...
Mennekes: Das bleibt in unserer Gemeinde nicht außen vor. Wir verköstigen über das ganze Jahr täglich 150 Kinder. Ich bin auch selbst regelmäßig im Iran. Und trotzdem: Auch Jesus hat das Abendmahl zelebriert und die Taufe vorgenommen. Solche Formen braucht der Glauben, sobald nicht nur einer da ist, sondern drei oder mehr Menschen eine Gemeinde bilden.
KNA: Sie verlassen nun die Gemeinde. Was wollen Sie tun?
Mennekes: Ich werde in Frankfurt wohnen und wünsche mir mehr Ruhe, etwas raus aus dem Management der Gemeinde. Ich werde viel Kunst studieren, vor allem alte Künstler wie Rubens, aber auch Max Beckmann. Außerdem halte ich Lehrveranstaltungen in Bonn, Braunschweig und Mainz ab. In einem Jahr habe ich eine Gastprofessur in den USA. Ich will auch Künstler in theologischen Themen beraten, etwa den Mönchengladbacher Künstler Gregor Schneider in der Frage, ob man Sterbende ausstellen darf. Ich mache mich jedenfalls noch mehr zu dem, was ich längst bin: ein Agent der katholischen Kirche für die Kunstszene.
( Viola van Melis / kna )