Radio hören

8.4.2011

Wie der Zivildienst vor 50 Jahren begann - und sein Ende

Aufhören, wenn es am schönsten ist?

Es waren die 1949 noch sehr präsenten Schrecken des Zweiten Weltkriegs, die dazu führten, dass ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung Eingang in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland fand. Am 1. April 1961 wurde dann die Einführung des Zivildienstes beschlossen. Am 10. April 1961, am Sonntag vor 50 Jahren, traten die ersten Ersatzdienstleistenden ihren Dienst an.

Der lapidare Satz des Grundgesetzes "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden" wurde in der Zeit des Kalten Krieges schnell zum Stein des Anstoßes. Vertreter sämtlicher Parteien sahen vor allem die Verteidigungsfähigkeit des Landes gefährdet und setzten deshalb ein strenges Prüfungsverfahren und die Pflicht zu einem - möglichst belastenden - Ersatzdienst durch. Dabei überboten sich die beteiligten Politiker in Plänen, wie den "Drückebergern" durch Abschreckungsmaßnahmen beizukommen sei. Generalmajor Paul Hermann etwa schlug 1956 vor, Kriegsdienstverweigerer sollten während ihres Ersatzdienstes Häftlingskleidung tragen.

Dennoch erwies sich die Angst vor einer massenhaften Verweigerung zunächst als unbegründet. Um anerkannt zu werden, war anfangs eine "Gewissensprüfung" unter Leitung der Bundeswehr nötig. Der potenzielle Verweigerer musste eine schriftliche Erklärung abgeben und sich in eine mündliche Verhandlung begeben - eine oft absurde und erniedrigende Prozedur, die jeden Respekt vor der Gewissensentscheidung vermissen ließ. Nach Abschaffung der Gewissensprüfung 1984 wurde die Zeit des Ersatzdienstes gegenüber dem Wehrdienst um ein Drittel heraufgesetzt - was zeitweise eine Dienstpflicht von 20 Monaten zur Folge hatte.

Anders als bei der Bundeswehr trat der Staat beim Ersatzdienst von Anfang an nur als überwachende Instanz in Erscheinung. Um die Verteilung der Plätze kümmerten sich nichtstaatliche Organisationen - darunter auch die Wohlfahrtsverbände. Die ersten Ersatzdienstleister waren in erster Linie "Handlanger" in Heimen und Kliniken. Viele hatten aus religiösen Gründen verweigert oder gehörten Gemeinschaften wie den Quäkern oder Zeugen Jehovas an. Nach 1968 stieg die Zahl der Anträge rasant an. Diese Tendenz setzte sich in den Folgejahren fort: In den 1990er Jahren gab es zum ersten Mal mit 140.000 pro Jahrgang mehr Ersatz- als Wehrdienstleistende.

Bewusstseinswandel in den 1970ern
Sahen viele in den Verweigerern zunächst Staatsfeinde, setzte bereits in den 1970er Jahren ein Bewusstseinswandel ein. Die Kirchen revidierten ihre ablehnende Haltung und nahmen eine aktive Rolle in der Beratung ein. Der Ersatzdienst hieß nun Zivildienst und wurde in der Öffentlichkeit zunehmend präsenter. Zugleich nahm der Bedarf an Leistungen in der Pflege zu und die Zahl der im Sozialbereich tätigen Diakone und Gemeindeschwestern ging aufgrund fehlenden Nachwuchses zurück.

Zivildienstleistende wurden in Jugendzentren und Frauenhäusern, bei Stadtteilprojekten und auf Abenteuerspielplätzen beschäftigt. Ihre Domäne aber war die Pflege von alten und behinderten Menschen. Diese Aufgabe trug wesentlich zu einer positiven Neubewertung in der Bevölkerung bei. Nach jahrelanger Abschottung in Krankenhäusern und Pflegeheimen wurde nun offen sichtbar, was Kriegsdienstverweigerer für die Gesellschaft leisteten. In den 1980er Jahren setzte sich im allgemeinen Sprachgebrauch die freundlich-verniedlichende Abkürzung "Zivi" durch. Ersatzdienstleistende tauchten nun als Sympathieträger in Fernsehsendungen auf. Prominentestes Beispiel war Zivi Mischa aus der ZDF-Serie "Die Schwarzwaldklinik".

Mit dem Ende des Wehrdienstes ist auch der zivile Ersatzdienst Geschichte. Am 31. Dezember sollen die letzten Zivildienstleistenden entlassen werden. An ihre Stelle tritt ein Bundesfreiwilligendienst, in dem sich Menschen aller Altersklassen engagieren können. Darüber hinaus bestehen die Angebote des Freiwilligen Sozialen Jahres weiter. Wie tragfähig allerdings die verschiedenen Konzepte sind, um den Verlust des Zivildienstes abzufedern, wird die Zukunft zeigen.

( Guido Bee / kna )